Gesundheitssystem der Niederlande: Was wir lernen können

    Interview

    Gesundheitssystem Niederlande:Wo Gesundheit effizient und bezahlbar ist

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    Niederländer zahlen einen Pauschalbeitrag für die Krankenkasse, und werden dafür in einem hocheffizienten System individuell behandelt - auch dank digitaler Patientenakte.

    symbolbild - blutdruck messen
    Die niederländische Gesundheitsversorgung liegt mit ihrem Digitalisierungsgrad, guter Organisation der Pflege und einem reformierten Krankenkassen-System in Europa weit vorn. 27.01.2025 | 1:44 min
    Das Gesundheitssystem in den Niederlanden ist auf Effizienz getrimmt: Eingriffe - etwa an der Bauchspeicheldrüse oder am Magen - werden auf bestimmte Krankenhäuser konzentriert, die Digitalisierung ist weit fortgeschritten. Angesichts einer Altersentwicklung, bei der es immer mehr Patienten geben wird, und immer weniger Menschen, die bereit sind, im Gesundheitsbereich zu arbeiten, gilt das System oft als vorbildlich, wie Prof. Wolfgang Buhre vom Uniklinikum Utrecht erläutert.
    ZDFheute: Herr Prof. Buhre, was kann Deutschland von den Niederlanden lernen?
    Prof. Wolfgang Buhre: Wir müssen eigentlich immer mehr versuchen, unsere Kräfte zu konzentrieren. Wir müssen Absprachen machen, auch gerade in den Regionen. So wie wir das hier in den Niederlanden getan haben, dass bestimmte Patienten bestimmten Krankenhäusern zugewiesen werden, die dann auch eine besondere Expertise aufbauen können, diese aber auch halten können, so wie wir das hier auch in dieser Region (Utrecht) tun. Weil das Universitätsklinikum Utrecht steht ja nicht allein, sondern es arbeitet mit den Krankenhäusern in der Region zusammen.

    Wir entscheiden gemeinsam, wohin ein Patient geht und wo welche Operation durchgeführt wird.

    Prof. Wolfgang Buhre, Universitätsklinikum Utrecht

    Wolfgang Buhre ist Professor für Anästhesiologie an der Uniklinik Utrecht und Präsident der Europäischen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin. Er arbeitet seit fast 20 Jahren in den Niederlanden.

    Schild in der Praxis: "Die elektronische Patientenakte kommt"
    Nach vielen Verzögerungen ging 2025 die elektronische Patientenakte in Deutschland an den Start. Alle gesetzlich Versicherten bekommen eine E-Akte von ihrer Kasse angelegt - es sei denn, man lehnt es für sich ab.15.01.2025 | 2:36 min
    ZDFheute: Wie kann dies in Deutschland verbessert werden nach niederländischen Beispiel?
    Wolfgang Buhre: Ich glaube, das Allerwichtigste ist, dass man für den Patienten eine 'Einfahrt' entwickelt. Das heißt, dass ein Patient, der schwer erkrankt ist, der möchte eigentlich, dass er einen Ansprechpunkt hat. In den Niederlanden nennen wir das den Behandler. Das ist der Lotse für den Patienten. Und dieser Lotse ist in den Niederlanden in aller Regel im Krankenhaus lokalisiert und nicht in einer niedergelassenen Hausarztpraxis.
    ZDFheute: In Deutschland gibt es ja viele niedergelassene Spezialisten, die nicht in Krankenhäusern sitzen. Ist das etwas, was vielleicht früher mal ein gut funktionierendes System war, was jetzt aber nicht mehr so schlau ist?
    Wolfgang Buhre: Was ich sicherlich hier (in den Niederlanden, die Redaktion) begrüßenswert finde, ist, dass wir unsere Patienten auch longitudinal, (also während des gesamten Verhandlungsverlaufes, die Redaktion), begleiten. Dadurch, dass es keine niedergelassenen Spezialisten gibt, sind die Patienten -und bleiben die Patienten- immer an die Krankenhäuser angebunden, können mit ihren Fragen zu uns kommen.
    uwe-janssens
    Seit 15 Jahren ist die elektronische Patientenakte (ePA) in Planung, ab heute wird sie in drei Modellregionen getestet. Die ePA sei "ein Quantensprung in der Versorgung der Patienten", so der Intensiv- und Notfallmediziner Uwe Janssens. 15.01.2025 | 4:02 min
    ZDFheute: Stichwort digitale Patientenakte. Die wird in Deutschland jetzt noch immer sehr groß debattiert. in den Niederlanden gibt es die schon länger. Ist sie ein Schlüsselfaktor für eine bessere Gesundheitsversorgung - und vielleicht auch für eine billigere Gesundheitsvorsorge?
    Wolfgang Buhre: Also, die digitale Patientenakte ist eigentlich die Voraussetzung, um dieses Netzwerk von Gesundheitsfürsorge aufspannen zu können. Weil wir natürlich alle Informationen an allen Orten haben: Alle Röntgenbilder sehen können, alle Laborwerte sehen können. Und gerade auch bei mündigen Patienten hat der Patient die Möglichkeit, in die Patientenakte Einsicht zu nehmen.

    Das heißt, es ist für mich natürlich schwer vorstellbar, ohne eine digitale Patientenakte zu arbeiten.

    Prof. Wolfgang Buhre, Universitätsklinikum Utrecht

    ZDFheute: Weil das dann an praktischen Sachen scheitert?
    Wolfgang Buhre: Oder allein, weil der Arbeitsaufwand viel zu hoch ist. Wenn man sich vorstellt, dass Briefe ausgedruckt, hin und hergeschickt in die Post gegeben werden müssen, dass man die dann sozusagen händisch liest, dass man nicht alles vor sich auf einem Monitor hat.
    Beispielscreenshot, wie die App aussehen könnte
    Seit langem wird sie für die etwa 74 Millionen gesetzlich Versicherten geplant, nun wird "ePa" in den Modellregionen Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Franken getestet. 15.01.2025 | 1:27 min
    ZDFheute: Da wird immer gesagt, dass die Privatsphäre des Patienten hier ein Problem sein könnte. Wie haben die Niederlande das gelöst?
    Wolfgang Buhre: Alles, was man einführt, muss natürlich in Einklang sein mit europäischen Richtlinien. Das bedeutet auch, dass in unserem Fall die Regularien im Krankenhaus natürlich sehr, sehr sorgfältig eingerichtet, aber auch kontrolliert werden müssen. Wir betreiben einen erheblichen Aufwand, was die Patient Safety (Patientensicherheit) anbelangt. Und das muss natürlich gewährleistet sein. Es kostet aber auch relativ viel Geld.
    ZDFheute: Kann man sagen, dass für einen Patienten die Gesundheit in Deutschland gegenüber den Niederlanden im Vergleich gesehen teurer ist? Also in welchem Land ist es teurer, krank zu sein, als gesund?
    Wolfgang Buhre: In den Niederlanden ist es so, dass im Gesundheitssystem eine sehr weitgehende Abdeckung durch die Krankenversicherung gewährleistet ist. Und die ist natürlich zum Teil durch den Patienten bezahlt, aber auch zum Teil durch Steuern bezahlt und steuerfinanziert. Wenn ich das, was ich persönlich bezahle für meine Krankenversicherung und die Leistungen, die ich dafür erhalten würde, wenn ich erkrankt bin, vergleiche mit dem, was ich in Deutschland erhalten würde, bin ich hier eigentlich sehr zufrieden mit den Leistungen, die ich bekomme. Das andere ist, dass bestimmte Dinge einfach auch nicht durchgeführt werden, weil sie nicht einer unserer Meinung nach evidenzbasierten Medizin gehorchen und dementsprechend die Kosten dafür auch nicht übernommen werden.
    ZDFheute: Zum Beispiel?
    Wolfgang Buhre: Na ja, bestimmte Operationen beispielsweise, die in Deutschland noch finanziert werden, an der Schulter, am Rücken oder ähnliches, die sind in den Niederlanden ja aus dem Katalog herausgenommen worden von bezahlbaren Leistungen, die werden einfach auch nicht angeboten.
    Das Interview führte Britta Behrendt, Producerin für das ZDF-Studio Brüssel

    Testphase in drei Modellregionen
    :Elektronische Patientenakte startet

    Seit 15 Jahren ist die elektronische Patientenakte in Planung, ab heute wird sie in drei Modellregionen getestet. Unumstritten ist die ePA nicht - vor allem aus Datenschutzgründen.
    von Sven Rieken
    Lesegerät für die Elektronische Patientenakte (ePA) beim Hausarzt.
    mit Video

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    Quelle: dpa

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