Ukraine: Was bringt ein Rohstoff-Abkommen mit Trump?

    Analyse

    Rohstoff-Abkommen mit den USA:Was hat die Ukraine von einem Deal mit Trump?

    ZDFheute Update - Kevin Schubert
    von Kevin Schubert
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    Seit Tagen streiten die USA und die Ukraine um ein Rohstoff-Abkommen. Zumindest einen Vorvertrag will Selenskyj unterzeichnen. Hilft das dem Land? Experten ordnen ein.

    Selenskjy und Trump in einer Montage vor einer Karte der Ukraine
    Hinsichtlich eines Rohstoffabkommens zwischen den USA und der Ukraine zeigt sich der Politologe Jakob Kullik skeptisch, langfristig müsse ein Schutz der Ukraine gegeben sein.26.02.2025 | 12:36 min
    Gibt es ein Rohstoff-Abkommen zwischen der Ukraine und den USA oder nicht? Nach Tagen des Streits ist das eine der Fragen des heutigen Tages - und immer noch nicht klar zu beantworten.
    Berichten über eine Einigung folgen am Mittwoch Aussagen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der erklärt, erst einmal ein Rahmenabkommen unterzeichnen zu wollen. Ein echter Vertrag mit finanziellen und sicherheitspolitischen Details kommt demnach erst später.
    Das sorgt prompt für Unmut in den USA: Ein geplanter Besuch von Selenskyj bei Donald Trump am Freitag würde wenig Sinn ergeben, wenn Selenskyj andeute, der Deal sei nicht abgeschlossen, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen US-Regierungsvertreter.
    Donald Trump im Weißen Haus in Washington am 26.02.2025
    Seltene Erden aus der Ukraine als Kompensation für militärische Unterstützung durch die USA im Abwehrkampf gegen Russland - so der Plan. Genaue Details sind noch nicht bekannt.26.02.2025 | 2:43 min
    Zuvor hatten Medien bereits über eine Einigung berichtet - und unter anderem diese Details genannt:
    • Die USA erhalten Zugang zu den Ressourcen der Ukraine - etwa Öl, Gas und Seltene Erden.
    • Ein gemeinsam verwalteter Investitionsfonds soll den Wiederaufbau der Ukraine ermöglichen.
    • Die Hälfte der Rohstoff-Einnahmen der Ukraine soll in diesen Fonds fließen.
    Was fehlte? Ausgerechnet der Punkt, auf den die Ukraine lange bestanden hatte - direkte Sicherheitsgarantien von Seiten der USA.
    Der Politikwissenschaftler Nico Lange im Interview mit dem ZDF.
    Gibt es bald ein Rohstoff-Abkommen zwischen den USA und der Ukraine? Einschätzungen von Politikwissenschaftler Nico Lange.26.02.2025 | 4:45 min
    Was auch immer nun passiert - eine Frage bleibt relevant: Was hat die Ukraine von einem Rohstoff-Abkommen mit Trump? Ist es nur "Erpressung" - oder profitieren doch beide Seiten? Experten ordnen ein.

    Über welche Rohstoffe verfügt die Ukraine überhaupt?

    Mehrere Experten haben für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) die Ressourcen der Ukraine und ihre strategische Bedeutung analysiert. Sie beschreiben die Ukraine als "äußerst reiches Land, sowohl was die nachgewiesenen Reserven als auch die wirtschaftlich nutzbaren Energieressourcen und Bodenschätze angeht".
    Das zeigt unter anderem das Beispiel Erze:
    Rang der Ukraine bei Erzreserven

    ZDFheute Infografik

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    Daneben verfügt die Ukraine nach Angaben des ukrainischen Instituts für Geologie über einige der sogenannten Seltenen Erden, etwa Lanthan und Cer, die in Fernsehern und Beleuchtungsanlagen verwendet werden - oder Neodym, das in Windturbinen und Batterien für Elektrofahrzeuge zum Einsatz kommt. Zudem gibt es fossile Rohstoff-Vorkommen wie Erdöl und Erdgas.
    ZDF-Korrespondent David Sauer live aus Washington
    Der US-Präsident wolle erklärtermaßen Frieden liefern, verfolge nun aber zuerst wirtschaftliche Interessen, um von China unabhängiger zu werden, so USA-Korrespondent David Sauer.24.02.2025 | 4:09 min
    Die Experten um Ulrich Blum, Geschäftsführer des Deutschen Lithium Instituts, schreiben in ihrer bpb-Analyse:

    Als EU-Mitglied könnte [die Ukraine] die europäischen Abhängigkeiten bei strategischen Rohstoffen massiv lindern.

    Analyse der bpb

    Zudem könnte die Ukraine aus den Erlösen der Rohstoffe "die hohen Wiederaufbaukosten finanzieren", die von der Weltbank auf umgerechnet 506 Milliarden Euro geschätzt werden. Als Teil Russlands würde die Ukraine dagegen Moskaus Marktmacht "massiv vergrößern". Die Experten schlussfolgern: "Das Rohstoffpotenzial der Ukraine ist folglich von geostrategischer Relevanz, was der russische Präsident eher erkannte als westliche Politiker."
    Nach Schätzungen der ukrainischen Denkfabrik We Build Ukraine und des Nationalen Instituts für Strategische Studien waren in der ersten Jahreshälfte 2024 etwa 40 Prozent der Metallressourcen unter russischer Kontrolle.
    Karte: Rohstoffe in der Ukraine
    So sind die Rohstoffe in der Ukraine verteilt.
    Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung; liveuamap.com

    Was hat die Ukraine von einem Rohstoff-Abkommen?

    Die Idee, den westlichen Verbündeten wertvolle Rohstoffe anzubieten, stammt von der Ukraine selbst. Sie war bereits Teil des "Siegesplans", den Selenskyj im Oktober 2024 im ukrainischen Parlament vorgestellt hat. Dieser Plan sah allerdings auch eine Einladung zum Nato-Beitritt der Ukraine sowie weitere Abschreckungsmaßnahmen vor.
    Der Militärexperte Nico Lange bewertet selbst ein Abkommen ohne Sicherheitsgarantien positiv. "Der erste Entwurf für ein Abkommen war für die Ukraine unannehmbar, deshalb hat man verhandelt und sich einander angenähert", sagt Lange. Auch wenn das Land keine Sicherheitsgarantien erhalte, stärke ein Rohstoff-Abkommen ganz praktisch die Beziehungen zwischen der Ukraine und den USA. Darin sieht Lange "eine gute Grundlage für die gemeinsame Arbeit". Sein Fazit: "Beide Seiten könnten einen Gewinn davon haben."
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    In der Ukraine rücken Putins Truppen systematisch vor. Gleichzeitig knüpft Trump weitere US-Militärhilfen an Rohstofflieferungen aus der Ukraine. Die Analyse bei ZDFheute live.05.02.2025 | 31:50 min
    Der Politikwissenschaftler Jakob Kullik von der TU Chemnitz hält je nach Ausgestaltung des Abkommens sowohl positive als auch negative Lesarten für möglich.
    Die positive Lesart: Wenn Trump die Ukraine als Investitionsobjekt betrachte, müsse er auch gute Investitionsbedingungen schaffen. Kein Unternehmer investiere in ein Land, in dem Krieg herrsche - oder das Gefahr laufe, noch einmal angegriffen zu werden. Kulliks Conclusio: Eine funktionierende Rohstoffindustrie in der Ukraine gibt es nur mit militärischen Sicherheitsgarantien der USA.
    Die negative Lesart: Sollte die Ukraine tatsächlich 50 Prozent ihrer künftigen Rohstoffgewinne abführen müssen, wäre das Land finanziell geschwächt. Während Russland die Zeit nutzen könnte, sein Militär neu und stärker aufzubauen, könnte der Ukraine dafür das Geld fehlen. Die Folge: "Wenn der Krieg wieder ausbrechen sollte, könnte es für die Ukraine noch schlechter sein", sagt Kullik.
    ZDF-Korrespondenten Eigendorf und Coerper berichten.
    Die USA und Ukraine verhandeln über ein Rahmenabkommen für ukrainische Rohstoffe als Gegenleistung für Sicherheitsgarantien. ZDF-Korrespondenten Eigendorf und Coerper berichten.26.02.2025 | 2:47 min

    Wäre für Selenskyj und die Ukraine mehr drin?

    Sogar in den USA hätten vor allem Demokraten und Experten in den vergangenen Tagen von einer "Erpressung der Ukraine" gesprochen, berichtet ZDF-Korrespondent David Sauer aus Washington.
    Politikwissenschaftler Kullik vermutet, dass Selenskyj nicht mehr viele Optionen habe. "Er ist auf amerikanische Unterstützung massiv angewiesen", sagt der Experte.

    Es geht um die Existenz des Landes, und da könnte der Rohstoff-Deal aus ukrainischer Sicht beitragen.

    Jakob Kullik, Politikwissenschaftler

    ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf verweist in Kiew auf den Druck von Seiten der USA, der in den vergangenen Wochen immer weiter gewachsen sei. "Die letzte Eskalationsstufe war eigentlich die Drohung von Elon Musk, dass er auch die Lizenz von Starlink den Ukrainern nehmen wird." Das hätte die Ukraine in eine fatale Situation gebracht, sagt Eigendorf.
    David Sauer, ZDF-Korrespondent in Washington, und Katrin Eigendorf, ZDF-Reporterin in Kiew, im Gespräch mit ZDF-Mima-Moderator Daniel Pontzen
    In der US-Regierung wird der Rohstoff-Deal als Erfolg gewertet, berichtet David Sauer aus Washington. In der Ukraine sehen viele darin eine Erpressung, so Katrin Eigendorf in Kiew.26.02.2025 | 3:39 min
    Kommentatoren, Journalisten und Oppositionspolitiker sehen die Ukraine aktuell weit von einem Frieden entfernt "und in einer sehr schwachen Position", berichtet Eigendorf aus Kiew. "Das ist kein gutes Zeichen dafür, dass sie ihre Verhandlungsposition in irgendeiner Form aufgewertet hat."
    Selenskyj selbst könne innenpolitisch noch stark unter Druck geraten, sollte er den Deal ohne Sicherheitsgarantien unterschreiben. "Er hatte ja selber ganz klar ausgeschlossen, dass ein solches Abkommen zustande kommen könnte, wenn es keine Sicherheitsgarantien von Seiten der USA gäbe", berichtet Eigendorf.

    Was haben die USA von einem Deal?

    Die Vorteile für die USA lägen auf der Hand, sagt ZDF-Korrespondentin Claudia Bates. "US-Sicherheitsberater Mike Waltz erwähnte das Beispiel einer Aluminium-Mine, die den gesamten Jahresbedarf der USA decken könne, wenn Amerika Gelegenheit bekäme, sie zu sanieren", sagt Bates.

    Die USA versprechen sich von dem Abkommen auch, die Abhängigkeit von China zu verringern.

    Claudia Bates, ZDF-Korrespondentin in Washington

    US-Präsident Donald Trump hatte in den vergangenen Tagen Seltene Erden im Wert von 500 Milliarden US-Dollar gefordert - als Bezahlung für bereits geleistete Militärhilfe. Das wiederum hatte Selenskyj abgelehnt.
    Zwar sind die USA nach absoluten Zahlen der größte Unterstützer der Ukraine. Von 500 Milliarden US-Dollar sind die Vereinigten Staaten aber weit entfernt. Bis Dezember 2024 belief sich die Summe nach Zahlen des "Ukraine Support Trackers" des Kiel Instituts für Weltwirtschaft auf umgerechnet 114,15 Milliarden Euro, unterteilt in drei Bereiche:
    • Militärische Unterstützung: 64,13 Milliarden Euro
    • Finanzielle Unterstützung: 46,60 Milliarden Euro
    • Humanitäre Unterstützung: 3,42 Milliarden Euro
    Militärexperte Nico Lange im Interview mit ZDFheute live
    Interessen zu benennen sei plausibel, auch wenn Deutschland so tue, als hätte es keine, so Militärexperte Nico Lange. Niemand sei nur aus moralischen Gründen in der Ukraine.05.02.2025 | 9:57 min

    Was bedeutet ein Rohstoffabkommen für Europa?

    Politikwissenschaftler Kullik weist auf längst bestehende Pläne für eine Rohstoffpartnerschaft hin - die allerdings erst dann greifen könne, wenn in der Ukraine ein stabiler Frieden herrsche, der Firmen Investitionen erlaube.
    Nico Lange
    Die Partner müssten den Ukrainern die richtigen Instrumente liefern, um sich verteidigen zu können, sagt Militärexperte Nico Lange. Dass das nicht passiert sei, sei sträflich.05.02.2025 | 13:47 min
    "Wir haben alle Möglichkeiten, mit der Ukraine zusammenzuarbeiten, auch mit Blick auf Rohstoffe", sagt auch Militärexperte Lange. "Daran ändert dieses Abkommen kaum etwas."
    Die Empfehlung des langjährigen Politikberaters: "Die EU sollte die Ukraine militärisch stärken und langfristig den Frieden sichern. Das entspräche nicht nur unseren Sicherheitsinteressen, sondern würde auch unserer Wirtschaft viele Chancen eröffnen."

    Die Europäische Union sieht die Entwicklungen mit großer Besorgnis. Experten in Brüssel befürchten, dass ein schlechter Deal mit den USA dazu führen könnte, dass Institutionen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) die Kreditvergabe an die auf die Finanzhilfen angewiesene Ukraine begrenzen oder sogar stoppen müssten. Der von Trump erzwungene Deal könnte - je nach Ausgestaltung - die Einnahmen der Ukraine und damit auch ihre Kreditwürdigkeit negativ beeinflussen.

    Zudem könnte das Abkommen den EU-Beitrittsprozess der Ukraine torpedieren: Nur wirtschaftlich und finanziell stabile Staaten haben eine Chance auf eine Aufnahme.

    Positiv wird lediglich bewertet, dass der Deal das Interesse der USA an einer weiterhin unabhängigen Ukraine stärken und am Ende wie eine Sicherheitsgarantie wirken könnte.

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    Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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    Quelle: mit Material von dpa und Reuters

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