Militäranalyst: "Enorme Zunahme der Angriffe" in der Ukraine

    Interview

    Oberst Reisner über Ukraine-Krieg:Militärexperte: "Enorme Zunahme der Angriffe"

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    Putins Truppen rücken weiter vor, eine Waffenruhe scheint fern. Der russische Fokus um die Region Pokrowsk verschiebt sich, das hat auch mit einem historischen Datum zu tun.

    Oberst Markus Reisner zu Gast bei ZDFheute live.
    Inmitten einer schwierigen Weltlage könne Kiew Moskau militärisch wenig entgegensetzen, so Oberst Reisner. Das ganze Gespräch im Video.03.04.2025 | 31:30 min
    US-Präsident Donald Trump hatte zuletzt die Idee einer Waffenruhe im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bekräftigt, was dabei rauskam, war jedoch eine Vereinbarung über eine eingeschränkte Feuerpause auf Energie-Infrastruktur - von Verteidigungsminister Pistorius als "Nullnummer" bezeichnet.
    Wenig bis keine Deeskalation ist bisher zu sehen. Im Gegenteil, die Zahl der russischen Angriffe auf die Ukraine steige sogar - auch auf die Energie-Infrastruktur, erklärt Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer im Gespräch mit ZDFheute live.

    Wir sehen eine enorme Zunahme der Angriffe.

    Markus Reisner, Oberst

    Militärökonom Marcus Keupp bei ZDFheute live.
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    Gezielte Angriffe gegen Energie-Infrastruktur

    Russland greife gezielt die ukrainische Energie-Infrastruktur an, täglich mit bis zu 250 Drohnen. Zusätzlich gebe es alle zwei bis drei Wochen massive Marschflugkörper-Angriffe. Auch im Schwarzen Meer sei keine Entspannung zu beobachten - im Gegenteil: "Wir sehen jetzt auch hier Angriffe mit Drohnen auf die Hafenanlagen in Odessa", so Reisner.
    Eine neue russische Taktik erschwere dabei die Abwehr: Die Drohnen kommen laut dem Militär-Historiker im Tiefflug, steigen plötzlich auf 2.000 Meter Höhe und stürzen in kurzen Abständen nacheinander ab - eine Herausforderung für die ukrainische Luftverteidigung. Immer wieder erreichen Einschläge auch Stadtgebiete, so Reisner.
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    Russischer Fokus um Pokrowsk verschiebt sich

    Gleichzeitig verschiebe Russland militärische Schwerpunkte. Die besonders bisher heftig umkämpfte Stadt Pokrowsk am Rande der Bergbaugebiete im Osten der Ukraine werde derzeit entlastet - mutmaßlich, um Truppen für einen Vorstoß Richtung Westen freizumachen. "Das Ziel, das die Russen sich hier gesetzt haben, ist das Erreichen der nächsten Oblastgrenze", erklärt Reisner.

    Wir sehen, dass die Angriffe auf Pokrowsk abgenommen haben, dafür die Angriffe südlich von Pokrowsk Richtung Westen zugenommen haben.

    Markus Reisner

    Dabei gehe es auch um symbolische Gewinne: Am 9. Mai, dem russischen Feiertag zum Sieg über Nazi-Deutschland, werde traditionell ein Erfolg auf dem Schlachtfeld präsentiert. In diesem Jahr soll offenbar ein Vorstoß bis an die Grenze zum Oblast Dnipropetrowsk als solcher verkauft werden.
    In der Region Kursk habe die Ukraine versucht, durch einen schweren Verzögerungskampf Zeit zu gewinnen, so Reisner. Dabei seien "unter schweren Verlusten an Gerät und Ausrüstung" viele Soldaten zurückgezogen worden. "Die Ukrainer haben es zwar geschafft, mit Masse ihr Personal auf die andere Seite zu bringen, ohne große Verluste von Gefangenen - sehr wohl aber auch Getöteten."
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    Ukraine gehen neue Soldaten aus

    Die personelle Lage der Ukraine sei angespannt. Reisner spricht von unterbesetzten Brigaden, teils mit nur 2.500 bis 3.000 Mann statt der vorgesehenen 4.500. "Das zeigt, wie prekär die Situation ist und warum die Russen immer wieder durchbrechen können."

    Eine Brigade hat im Schnitt quasi eine Breite von bis zu 30 Kilometern zu verteidigen oder zu verzögern. Das macht sie mit vier schwachen Bataillonen von oft nur 3.000 bis 4.000 Mann.

    Markus Reisner

    Der Druck auf die Ukraine, weitere Soldaten einzuziehen - auch junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren - nehme demnach zu, so Reisner. Gleichzeitig sei dies eine sehr heikle politische Entscheidung, weil gerade diese Geburten-Jahrgänge nach dem Zerfall der Sowjetunion und der wirtschaftlichen Depression "sehr dünn ausgeprägt sind".

    Das ist tatsächlich die Jugend, die das Land wieder aufbauen soll.

    Markus Reisner

    Darum würde Präsident Wolodymyr Selenskyj offensichtlich davor zurückschrecken, mehr junge Männer einzuziehen.
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    Russland will Truppen aufstocken

    Russland dagegen verfüge über ein weitaus größeres Reservoir. Etwa 160.000 Männer sollen laut Moskauer Verteidigungsministerium allein in der aktuellen Rekrutierungsrunde eingezogen werden. Reisner zufolge sei das ein klares Signal für eine weitere Eskalation:
    Die Zahl zeige, "dass faktisch die Truppen, die an der Front gebraucht wurden, verfügbar sind - damit die Generäle ihre gesetzten Ziele erreichen können".
    Gefragt, ob die Intensivierung der Angriffe Teil eines strategischen Kalküls sei, um vor einer tatsächlichen Waffenruhe möglichst viel Geländegewinne zu beanspruchen, sagt Reisner: "Ja, das ist korrekt."
    Das Interview mit Markus Reiser führte Christina von Ungern-Sternberg.
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