Wegen EM und Wetter: So viele krank wie noch nie Anfang Juli

    FAQ

    Wegen EM und Wetter:So viele krank wie noch nie Anfang Juli

    ZDFheute Update - Kevin Schubert
    von Kevin Schubert
    |

    Der Sommer 2024 ist auch ein Erkältungssommer: Mehr als fünf Millionen Menschen haben aktuell eine Atemwegserkrankung - Rekord. Aber warum? Ein Überblick.

    Frau liegt krank auf dem Sofa
    Gefahr einer Corona-Sommerwelle? Arzt und Medizinjournalist Christoph Specht im Gespräch.10.07.2024 | 9:08 min
    Husten, Schnupfen, Fieber - und das mitten im Sommer. So geht es gerade Millionen Deutschen.
    Die neuen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zeigen: Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen, die sogenannte ARE-Inzidenz, lag in der ersten Juli-Woche bei 6.000 ARE pro 100.000 Einwohnern. Das entspricht etwa 5,1 Millionen akuten Atemwegserkrankungen deutschlandweit - so viele wie noch nie um diese Jahreszeit seit Beginn der Erhebung der Daten im Jahr 2011.
    Aber welche Erreger gehen gerade um? Und wie bleibe ich in der Urlaubszeit gesund? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Welche Gründe gibt es für die Sommerwelle?

    "Eine Erklärung ist mit Sicherheit die Europameisterschaft", sagt der Virologe Martin Stürmer. "Für so eine Großveranstaltung kommen viele Menschen zusätzlich ins Land." Zudem sei der zwischenmenschliche Kontakt rund um das Fußballturnier "deutlich intensiver, deutlich inniger".
    Ein weiterer Faktor sei das Sommerwetter 2024. "Auch wenn sich die Erde insgesamt weiter erwärmt und wir immer wieder warme Abschnitte hatten: Längere Hitzephasen hatten wir in diesem Sommer kaum", sagt Stürmer. Stattdessen: Immer wieder kühlere Phasen mit viel Regen. "Das begünstigt eher die Verbreitung von Erregern", erklärt der Virologe.
    Sommer-Unwetter
    Sehr nass war der Sommer bislang. In den letzten zwölf Monaten fielen deutschlandweit im Schnitt über 1.000 Liter pro Quadratmeter.04.07.2024 | 1:49 min
    Entdecken Sie auch unsere Gesundheits-Themenseiten - mit Nachrichten, Hintergründen und Ratgebern:

    Welche Erreger sind gerade unterwegs?

    Das Infektionsgeschehen bei den akuten Atemwegserkrankungen "wird weiterhin hauptsächlich durch Erkältungsviren wie Rhinoviren bestimmt", schreibt das RKI im aktuellen Wochenbericht. Auch die SARS-CoV-2-Viruslast im Abwassermonitoring steige weiterhin an. Die geschätzte Covid-19-Inzidenz liege bei 600 Erkrankungen pro 100.000 Einwohnern.
    "Auch Bordetella pertussis, also Keuchhusten, sehen wir in den Proben in unserem Labor immer wieder", berichtet Virologe Stürmer.
    Service: Keuchhusten
    Die aktuellen Keuchhusten-Zahlen eingeordnet.15.05.2024 | 5:21 min

    Wie gefährlich sind die Erreger?

    "Die Zahl schwer verlaufender Atemwegsinfektionen bleibt insgesamt auf einem niedrigen Niveau", teilt das RKI mit. Gerade Krankheitsverläufe mit den schon lange weit verbreiteten Rhinoviren seien meist mild und harmlos, sagt auch Martin Stürmer. "Im Prinzip kann man eine Erkrankung und die Symptome einfach aussitzen", erklärt er, "und weil es keine Medikamente gibt, muss man das auch."
    Verharmlosen will Stürmer die Erkältungsviren dennoch nicht. "Bei Risikogruppen und vorerkrankten Menschen kann es auch schwere Verläufe geben", sagt der Virologe.

    Was Virologen sagen
    :Corona - ein Virus wie jedes andere?

    Die Covid-Zahlen steigen an, die Arztpraxen sind voll. Grund zur Sorge? Das sagen die Virologen Jürgen Rissland und Hendrik Streeck über die momentane Erkältungswelle.
    Das Bild zeigt eine Person, die eine FFP2-Maske in der Hand hält.
    Interview
    Das gelte auch für die aktuell zirkulierenden Corona-Varianten. In Deutschland dominiert laut RKI aktuell die JN.1-Sublinie KP.3, eine Omikron-Variante. "Wir haben wenig schwere Verläufe und insbesondere Geimpfte oder durch eine vorherige Corona-Infektion immunisierte sind gut geschützt", sagt Stürmer.
    Long Covid bleibe dagegen ein ernstzunehmendes Problem, warnt Stürmer, "aber auf einem deutlich niedrigeren Level". Vor allem Geimpfte seien in der Regel gut geschützt. Zudem sei das Long-Covid-Risiko mit den neuen Varianten gesunken.

    Wie bleibe ich gesund?

    Virologe Stürmer appelliert einerseits an Erkrankte, möglichst zu Hause zu bleiben. Wer trotzdem zu Veranstaltungen oder Konzerten, beispielsweise zu Taylor Swift, gehen wolle, könne sich dennoch respektvoll verhalten. "Da kann ich unter Menschen eine Maske tragen, oder, wenn ich das nicht möchte, vielleicht mit bestimmten Lutschpastillen dafür sorgen, dass ich während eines Konzertbesuchs die Ansteckungsgefahr für andere reduziere."
    Zitronen.
    Warum wird man im Urlaub häufig krank?05.06.2023 | 6:03 min
    Wer dagegen gesund sei und das beispielsweise für den Jahresurlaub auch bleiben wolle, könne sich an die in Pandemie-Zeiten gelernten Hygiene-Maßnahmen halten. Stürmer zählt auf:
    • Isolation oder Meidung größerer Menschenmassen
    • Abstandhalten
    • Regelmäßiges Waschen und Desinfizieren der Hände
    • Masketragen in Innenräumen, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln
    "Auch wenn ich dann vielleicht blöd angeguckt werde", sagt Stürmer, "weiß ich ja: Das ist ja für mich, ich möchte eben sicher in den Urlaub fahren."
    Strandbesucher auf Mallorca
    Kurz vor dem Urlaub krank geworden? Dann hilft unter Umständen eine Reiserücktrittversicherung.04.01.2024 | 2:36 min

    Wie sinnvoll sind aktuell Corona-Tests und -Impfung?

    Wer wissen will, ob er an Corona erkrankt ist oder nicht, könne sich weiterhin testen, sagt der Arzt und Medizinjournalist Christoph Specht in der "Vollen Kanne". Die Tests könnten in der Regel auch neuere Varianten erkennen, wobei Specht dazu rät, auf die Haltbarkeit zu achten. Abgelaufene Tests könnten falsch negativ sein.
    Zudem rät Specht, sich vor jedem Test zu fragen: "Welche Konsequenz hat das [Ergebnis]?" Denn wer sich nicht gut fühle, solle sich rücksichtsvoll verhalten - egal ob der Test positiv oder negativ sei. "Du könntest ja auch eine Influenza haben oder einen anderen grippalen Infekt", sagt Specht.
    Für Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe empfiehlt Virologe Martin Stürmer zudem, sich an die Empfehlungen der Ständigen Impfkomission (STIKO) zu halten. "Risikogruppen sollten weiterhin darauf achten, dass ihr Schutz entsprechend aktuell ist", sagt Stürmer. Aktuell werde der Impfstoff auf die Variante JN.1 angepasst und wirke auch gut gegen die aktuell zirkulierenden Sublinien KP.2 und KP.3.
    "Wenn keine komplett neuen Varianten mehr kommen, wird der Impfstoff, der jetzt in die Produktion geht, sehr gut auf die Wintersaison vorbereiten, also vor schweren Verläufen schützen", sagt Stürmer.

    Mehr Hintergründe zu Erkältungen