Missbrauch-Vorwurf: Jakob Ingebrigtsen sagt gegen Vater aus
Prozessauftakt wegen Missbrauch:Jakob Ingebrigtsen sagt gegen Vater aus
von Sigrid Harms, Oslo
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Die Kontraste konnten nicht größer sein: Am Wochenende jubelte Lauftalent Jakob Ingebrigtsen über zweimal Gold bei der Hallen-WM. Nun sagt er im Prozess gegen seinen Vater aus.
Jakob Ingebrigtsen beim Prozess gegen seinen Vater
Quelle: AFP
Im Gericht im norwegischen Sandnes ist man so viel Aufmerksamkeit nicht gewohnt. 80 Journalisten, Fotografen und Kameraleute verfolgen in diesen Wochen einen Prozess, in dem einer der bekanntesten Sportler Norwegens im Mittelpunkt steht: Jakob Ingebrigtsen.
Der 24-jährige Mittelstreckenläufer ist gerade erst aus China zurückgekommen. Bei der Hallen-WM in Nanjing hatte er am Wochenende Goldmedaillen über 1.500 und 3.000 Meter gewonnen. Zuvor hatte er bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 und in Paris 2024 Gold geholt. Außerdem ist er zweimaliger Weltmeister über 5.000 Meter.
Der Norweger Jakob Ingebrigtsen ist beim Hallen-Meeting in Liévin/Frankreich doppelten Weltrekord gelaufen: Er schnappte sich die Rekorde über die Meile und über 1.500 Meter.
Kindheit geprägt von Angst und Gewalt
Auch seine Brüder Filip und Henrik zählen zu den schnellsten Läufern der Welt. Doch hinter dem Erfolg dieser Ausnahmeläufer steht ihren Aussagen zufolge eine Kindheit geprägt von Gewalt und Angst. Ihr Vater und Trainer, Gjert Ingebrigtsen, steht nun vor Gericht, weil er mindestens zwei seiner Kinder physisch und psychisch misshandelt haben soll. Vorwürfe, die der 59-Jährige bestreitet.
Jakob Ingebrigtsen war der erste Zeuge in dem auf sieben Wochen angesetzten Prozess. Er schilderte einen kontrollierenden und aggressiven Vater.
Mein Aufwachsen war geprägt von Furcht, Aggression und Manipulation. Ich konnte nicht über mein Leben bestimmen.
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Jakob Ingebrigtsen, Leichtathlet
Er sei täglich bestraft und angeschrien worden, ohne dass er verstand, warum. Gjert Ingebrigtsen sei sehr unberechenbar gewesen und habe ihm oft gedroht, ihn brutal zu verprügeln.
Ingebrigtsen fühlte sich als Maschine
Mehrere Male sei der Vater gewalttätig gewesen. Als er sieben Jahre alt war, habe er ihn bis zu 20-mal mit beiden Händen am Kopf geschlagen, erzählte Jakob. Als er von seinem Roller fiel, habe ihm der Vater in den Magen getreten.
Als Teenager habe er sich mehr und mehr isoliert und seine Gefühle unterdrückt, um sich nicht angreifbar für den Vater zu machen. "Ich wurde zu einer Maschine, die einfach nur funktionierte."
Die ehemalige Leistungsturnerin Kim Bui setzt sich gegen den Machtmissbrauch von Trainern im Turnsport ein. Darüber spricht sie im moma-Interview.04.02.2025 | 4:35 min
Familie schwieg über Gewalttaten
Über die Gewaltausbrüche des Vaters sei in der Familie nie gesprochen worden. Ans Licht kamen die Vorfälle erst, als die Brüder Jakob, Filip und Henrik 2023 in einem Zeitungsartikel davon berichteten und erklärten, warum sie das Trainerverhältnis zu ihrem Vater ein Jahr zuvor beendet hatten.
Auslöser für die Trennung war ein Vorfall, der die jüngere Schwester betraf. Sie ist das einzige Mädchen in der Familie und galt ebenfalls als Lauftalent. Mit 15 Jahren entschied sie sich, nicht in die Fußstapfen ihrer Brüder treten zu wollen. Daraufhin soll ihr der Vater mit einem zusammengerollten Handtuch ins Gesicht geschlagen haben. Das Mädchen zog danach aus dem Elternhaus aus. Am Mittwoch wird die 18-Jährige vor Gericht aussagen.
Staatsanwältin: Es geht nicht um den Trainer, es geht um den Vater
"In diesem Fall geht es nicht darum, wie weit ein Trainer gehen kann, um einen Sportler unter Druck zu setzen", sagte die Staatsanwältin in ihrer Einleitung.
Es geht darum, ob ein Vater seinen Sohn und seine Tochter über einen Zeitraum von zehn beziehungsweise vier Jahren missbraucht hat.
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Staatsanwältin im Fall Ingebrigtsen
Genau das sehen die Anwälte von Gjert Ingebrigtsen anders. Verteidigerin Heidi Reisvang meinte, es sei klar, dass es sich in diesem Fall nicht um eine gewöhnliche Familie handele. "Zu der familiären Situation kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, nämlich eine Trainertätigkeit für Spitzensportler in der Weltelite."
Rund 4.100 Athleten zeigen ihr sportliches Können im polnischen Torun. Sie messen sich z.B. im Hochsprung oder im Langstreckenlauf. 30.03.2023 | 2:23 min
Fernsehserie soll Vater entlasten
Die Verteidigung basiert auf einer Fernsehserie über die Familie Ingebrigtsen, die im norwegischen Fernsehen lief. Ein Fernsehteam hatte die Familie über einen Zeitraum von neun Jahren begleitet.
Reisvang meinte, die Serie, in der keine Gewaltszenen zu sehen sind, sei der beste Beweis dafür, dass Gjert Ingebrigtsen nicht gewalttätig gegenüber seinen Kindern gewesen sei. Jakob entgegnete, die Serie zeige nicht die Wirklichkeit.
Quelle: Reuters
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