Islamexperte Eren Güvercin: Ditib bleibt abhängig von Türkei
Interview
Stopp von Imam-Entsendung:"Erdogan kann damit sehr gut leben"
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Die Imam-Entsendung aus der Türkei soll enden - dies sei ein "erster zaghafter" Schritt, so Eren Güvercin von der Alhamabra Gesellschaft. Der Einfluss der Türkei sei dennoch hoch.
"Ich würde es als ersten zaghaften Schritt in die richtige Richtung bezeichnen", so Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, zur Ankündigung von mehr Imam-Ausbildungen in Deutschland.15.12.2023 | 5:18 min
Imame, die in deutschen Moscheen predigen, sollen künftig nicht mehr aus der Türkei entsandt werden dürfen. Darauf einigte sich das Bundesinnenministerium mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet und dem Moscheeverband der Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib).
Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, ordnet die Entwicklung im ZDF-Morgenmagazin ein und erklärt, warum der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit der Einigung zufrieden sein dürfte.
ZDF: Innenministerin Nancy Faeser nennt die Einigung einen wichtigen Meilenstein. Teilen Sie diese Einschätzung?
Eren Güvercin: Ich würde es nicht als wichtigen Meilenstein bezeichnen, weil da braucht es etwas mehr als diese Einigung. Ich würde es als einen ersten zaghaften Schritt in die richtige Richtung bezeichnen. Aber da sind noch wirklich viele weitere wichtige Schritte notwendig, damit daraus wirklich ein Meilenstein wird für das muslimische Leben in Deutschland.
ZDF: Was ist Ihre Hauptkritik? Was müsste wirklich passieren, um von einem Meilenstein zu sprechen?
Güvercin: Also wenn wir uns die Einigung wirklich konkret anschauen, wundert es nicht, dass Erdogan, also der türkische Staat, mit dieser Einigung sehr gut klarkommt, weil es ändert sich grundsätzlich rein gar nichts.
Die Ditib als deutscher Verein bleibt personell, strukturell und finanziell abhängig vom türkischen Staat.
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Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft
Und allein die Tatsache, dass im Jahr etwa 100 Imame in Deutschland ausgebildet werden sollen, und diese nicht mehr als Beamte des türkischen Staates eingestellt werden sollen, sondern direkt bei der Ditib, befreit diese Imame nicht von der Kontrolle des türkischen Staates.
Weil, wie gesagt, Sie brauchen einfach nur die Satzung der deutschen Ditib zu schauen, da gibt es einen mächtigen Beirat. Und der Beiratsvorsitzende ist der Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas. Und er bestimmt den Vorstand, er bestimmt die Grundlinien der Ditib. Und Erdogan kann damit sehr gut leben.
Dieser Einfluss bleibt bestehen.
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Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft
ZDF: Was müsste sich denn ändern? Müsste die Ditib dann Ihrer Meinung nach komplett rausgehen aus der Ausbildung?
Güvercin: Ditib müsste sich wirklich zu einer Religionsgemeinschaft wie im Sinne unseres Religionsverfassungsrechts weiterentwickeln. Und das bedeutet, wenn die Ditib in Deutschland als Religionsgemeinschaft, unabhängige Religionsgemeinschaft, eine Zukunft haben will, muss sie sich personell, strukturell und finanziell vom türkischen Staat lösen. Und wenn das nicht passiert, wird auch Erdogan in Zukunft alle Möglichkeiten haben, das muslimische Leben über die Ditib in Deutschland zu kontrollieren und zu formieren.
ZDF: Neben dem Problem der Staatsnähe wurde kritisiert, dass die Imame, die aus der Türkei hierher kommen, im Grunde nichts über das Leben der Menschen in Deutschland, der Muslime in Deutschland, wissen. Dieser Punkt würde sich dann ja ändern?
Güvercin: Natürlich. Man wird immer mehr Imame haben, die zumindest der deutschen Sprache mächtig sind, die hier größenteils geboren und aufgewachsen sind.
Aber das bedeutet nicht per se, dass sie demokratiefreundlich sind, dass sie nicht ideologisiert sind.
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Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft
Da wird es sehr spannend sein, zu beobachten, wie diese in Deutschland ausgebildeten Imame zum Beispiel bei Themen wie Antisemitismus - gerade jetzt seit dem 7. Oktober ein sehr präsentes Thema - sich positionieren werden. Von daher muss man einen genauen Blick drauf haben.
Eren Güvercin, Mitglied der Deutschen Islam Konferenz, fordert Konsequenzen für muslimische Verbände, die eine „sehr relativierende Haltung“ gegenüber der Hamas eingenommen hatten.11.10.2023 | 5:38 min
ZDF: Wie nehmen Sie denn die Stimmung gerade wahr? Sie haben gerade den muslimischen Verbänden ja auch vorgeworfen, sich nicht genug vom Hamas-Terror gegen Israel distanziert zu haben. Ist der 7. Oktober immer noch Thema in den Gemeinden?
Güvercin: Natürlich, in der muslimischen Basis ist das ein sehr emotionales Thema und die muslimischen Verbände, nicht nur die Ditib, auch die anderen Verbände, haben nach dem 7. Oktober versagt. Sie hatten keine klare Haltung und das hat sich bis heute nicht geändert.
Gerade bei der Ditib hat man ja gesehen, wie relativierend gegenüber diesem schrecklichen Terrorangriff der Hamas ihre Stellungnahmen waren.
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Eren Güvercin, Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft
Und: ihr religiöses Oberhaupt ist Ali Erbas, der Chef der türkischen Religionsbehörde, und seit dem 7. Oktober ist der der größte antisemitische Hetzer mit seinen Predigten.
Eren Güvercin ist Islamexperte und Mitglied der Deutschen Islam Konferenz. Er ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft, einem muslimischen Verein in Deutschland. Gemäß der Leitsätze der Alhambra Gesellschaft sieht diese sich als "Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als originärer Teil der europäischen Geschichte und ihrer jeweiligen europäischen Heimatgesellschaft verstehen". Der Verein hatte sich im Zuge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel klar gegen Antisemitismus positioniert.
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