Roma und Sinti in Deutschland: Mit Sorgen Richtung Zukunft
Interview
Roma und Sinti in Sorge:"Antiziganismus ist wieder salonfähig"
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Vor der Wahl sieht Zentralratschef Romani Rose die Werte der Bundesrepublik in Gefahr. Große Sorge mache ihm die AfD mit ihrer "Renaissance" alter Positionen für Roma und Sinti.
Als Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma macht sich Romani Rose Sorgen um die Zukunft. Grund dafür sind aktuelle Entwicklungen.
Quelle: AP
Romani Rose ist seit mehr als 40 Jahren Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Im ZDFheute-Interview spricht er über den neuen alten Antiziganismus.
ZDFheute: Welche Auswirkungen hat die aktuelle politische Lage auf Sinti und Roma?
Romani Rose: Die Auswirkungen sind vielfach spürbar. Man merkt es an bestimmten Haltungen der Abweisung. Antiziganismus ist wieder salonfähig - wie auch der Antisemitismus. Wir müssen den Rechtsstaat und die Demokratie gemeinsam verteidigen.
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ZDFheute: Es gibt den Vorwurf, dass es seitens der Sinti und Roma keine ausreichende Bereitschaft zur Integration gäbe. Wie bewerten Sie solche Aussagen?
Rose: Als falsch, weil: Diese Aussagen verschweigen ganz einfach, dass der überwiegende Teil unserer Minderheit in der Anonymität lebt, aufgrund des Drucks von Stigmatisierung, des Antiziganismus - mit all den Klischees, die damit verbunden sind. Wir werden trotz unserer 600-jährigen Geschichte in Deutschland nicht als Deutsche wahrgenommen. Nationale Identität und kulturelle Identität sind keine Gegensätze.
… in der Bundesrepublik leben geschätzt 60.000 bis 100.000 Sinti und Roma. Die Minderheit ist seit Jahrhunderten in Deutschland beheimatet. Viele ihrer Mitglieder wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Auch nach 1945 gingen Diskriminierung und Anfeindung weiter. Seit 1995 sind die deutschen Sinti und Roma als nationale Minderheit offiziell anerkannt, so wie etwa Friesen, Sorben und die dänische Minderheit.
Der Kampf für gleiche Rechte und ein Ende von Rassismus und Antiziganismus sind über Jahrzehnte die wichtigsten Ziele der Sinti-und-Roma-Bürgerrechtsarbeit. Es geht um die Anerkennung ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihrer Musik - etwa im Jazz.
Entscheidenden Anteil bei Aufarbeitung und Anerkennung hat der 1982 gegründete Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Den Dachverband mit Sitz in Heidelberg leitet bis heute der Gründungsvorsitzende Romani Rose (78).
Der Zentralrat ist neben der "Sinti-Allianz" und der "Bundesvereinigung der Sinti und Roma" einer von drei Dachverbänden, die Interessen der Sinti und Roma in Deutschland vertreten.
Quelle: KNA
ZDFheute: Wie blicken Sie auf die bevorstehende Bundestagswahl?
Rose: Die sehe ich mit großer Sorge, weil die rechten Parteien in den letzten Jahren an Zulauf gewonnen haben. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg immer unsere Werte verteidigt, die wir in unserer Verfassung verankert haben. Dass wir gerade in schwierigen Zeiten diese Werte zur Disposition stellen, auf die wir alle so stolz waren, das sehe ich als großes Problem.
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ZDFheute: Ganz konkret, wie stehen Sie zur AfD?
Rose: Ich denke, die Parteien haben aus meiner Sicht viel zu wenig die politische Auseinandersetzung mit der AfD geführt. Die AfD ist eine Partei, die eine gewisse Form von Renaissance in sich verbirgt, die vieles der Vergangenheit in die Gegenwart hineintragen will. Und da hat Europa seine Erfahrung gemacht und auch Deutschland seine Erfahrung gemacht. Das bereitet mir große Sorge und Ängste, dass diese Position uns in Europa isolieren könnte.
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ZDFheute: Was würden Sie sich von der Gesellschaft wünschen?
Rose: Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass sie mehr über unsere kulturellen Leistungen erfährt. Es ist ihnen gar nicht bewusst, wie viel Einfluss Sinti und Roma zum Beispiel im Sport haben - oder auf die europäische Klassik hatten. Flamenco-Fans wissen oft nicht, dass diese Musik am meisten von den spanischen Roma, den Gitanos, geprägt wurde.
Das Interview für ZDFheute führte Sabrina Zimmermann.
Quelle: dpa
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