Lampedusa: "Es gibt keine Überschwemmung mit Migranten"
Experten zu Lampedusa:"Es gibt keine Überschwemmung mit Migranten"
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In den Bildern von vollen Auffanglagern auf Lampedusa sehen Ultrarechte einen Beleg für die "Überschwemmung" Europas mit Migranten. Experten verneinen - und warnen vor Propaganda.
Quelle: epa
Seit Jahresbeginn kamen in Italien fast 130.000 Flüchtlinge an - und damit bereits jetzt etwa doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2022. Allein vergangene Woche landeten binnen drei Tagen insgesamt 199 Boote mit 8.500 Migranten auf Lampedusa.
Die winzige italienische Mittelmeerinsel gilt ultrarechten Politikern als Beweis für das, was sie als "Überflutung" Europas mit Migranten bezeichnen. So hatte etwa die mehrfache französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen von einer "Überschwemmung mit Migranten" gesprochen .
Seit Jahren suchen die Europäer nach Lösungen, um die wachsende Zahl illegaler Migranten einzudämmen. 18.09.2023 | 2:08 min
Experte: Situation nicht mit 2015 vergleichbar
Doch Experten widersprechen: Auf Lampedusa konzentriere sich eine außergewöhnlich große Aufmerksamkeit, ein logistisches Problem werde politisch instrumentalisiert. Pierre Henry, Vorsitzender des Vereins France fraternités, relativiert die Zahlen der seit Anfang 2023 angekommenen Migranten.
Vergangenes Jahr habe Europa innerhalb von drei Monaten vier Millionen Menschen aufgenommen, die wegen dem Angriffskrieg auf die Ukraine aus ihrem Heimatland geflohen waren. Niemand habe da eine "Invasion von Migranten" beklagt. Henry sagt:
Jetzt ist bei ein paar Tausend Menschen von 'Überschwemmung' die Rede - das ist absurd.
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Pierre Henry
Auch mit dem Jahr 2015, als 850.000 Menschen, vor allem Syrer, in Griechenland ankamen, sei die derzeitige Situation nicht vergleichbar.
Überdeutliche Sichtbarkeit auf Lampedusa
"Es gibt keine Überschwemmung mit Migranten", sagt auch die auf Migration spezialisierte Geografin Camille Schmoll. "Wir sprechen von sehr wenigen Menschen, gemessen an den großen Aufnahmeländern in der Welt." Allein die Türkei beherbergt 3,6 Millionen Migranten, der Iran mehr als drei Millionen.
Man konzentriert sich auf Lampedusa, weil die Bilder beeindruckend sind und weil es dort eine überdeutliche Sichtbarkeit gibt.
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Camille Schmoll
Das habe damit zu tun, "dass die Insel beengt und das Aufnahmezentrum überfüllt ist", sagt Schmoll. Diese Situation tritt seit 2011 immer wieder auf, als innerhalb weniger Monate 60.000 Menschen auf der Insel landeten.
Experte: Lampedusa hat ein "logistisches Problem"
Der italienischen Regierung macht Schmoll schwere Vorwürfe: Diese führe die permanente Überbelegung "absichtlich" herbei, um daraus eine Krise zu machen, kritisiert die Forscherin. Auch ihr Kollege Henry spricht mit Blick auf die Überbelegung des Zentrums in Lampedusa mit seinen 389 Plätzen von einer Inszenierung der italienischen Behörden.
Lampedusa habe eher ein "logistisches Problem", sagt der französische Migrationsforscher Matthieu Tardis. "Wenn diese paar Tausend Menschen auf dem italienischen Festland gelandet wären, hätte das keine Polemik ausgelöst. Wir haben es mit einer politischen Instrumentalisierung zu tun", urteilt Tardis.
Experte: Bilder werden für rechte Propaganda genutzt
Die radikale Rechte nutze die Bilder für ihre Propaganda, um Angst zu schüren, sagt Schmoll. Die Migranten ließen sich ihrer Ansicht nach "mit einer besseren Koordination sehr wohl in Europa aufnehmen". Die Debatte werde durch "rassistische Argumente" befeuert, die mit "spektakulären Bildern" einhergingen, aber nicht die Realität der Migrationsbewegungen widerspiegelten, sagt Henry.
So sei in erster Linie von Afrikanern aus Ländern südlich der Sahara die Rede. Die Menschen, die in Europa Asyl beantragen, stammen jedoch laut der europäischen Statistik für 2022 hauptsächlich aus Syrien (138.000), Afghanistan (132.000), der Türkei (58.000), Venezuela (51.000) und Kolumbien (43.000).
Hinzu kommt: Wegen seiner geografischen Lage kommen zwar viele Migranten in Italien an. Bei den Asylanträgen steht das Land in Europa aber bei weitem nicht an erster Stelle. Ein Teil der Menschen wird auf andere Staaten verteilt, andere versuchen auf eigene Faust, weiter in den Norden zu gelangen.
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