Russische Truppen: Wie viele Soldaten sind bisher gestorben?
FAQ
Russische Truppen in Ukraine:Wie viele Soldaten sind bisher gestorben?
von Katja Belousova, Jan Schneider, Oliver Klein
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Immer wieder gibt es neue Angaben zur Anzahl der russischen Gefallenen in der Ukraine. Journalisten zählen mehr als 100.000 Tote. Wie sind die Zahlen einzuschätzen? Was sagt Kiew?
Russische Soldaten: Wie hoch die Zahl der Gefallenen ist, ist unklar (Archivbild)
Quelle: Imago
Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine zählen Journalisten und Freiwillige die Gefallenen auf russischer Seite. Sie durchforsten Postings in Sozialen Medien und Todesanzeigen in Zeitungen, werten offizielle Berichte und Sterberegister aus, suchen nach frischen Gräbern auf Friedhöfen. So versuchen sie, sich ein eigenes Bild zu machen vom Sterben in der Ukraine - unabhängig von offiziellen Zahlen der Kriegsparteien oder von Geheimdienstberichten.
Was sagen Kiew und Moskau?
Wie viele Soldatinnen und Soldaten dem Krieg tatsächlich auf beiden Seiten zum Opfer gefallen sind, ist schwer einzuschätzen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte Ende Februar, seit Beginn des russischen Angriffs vor zwei Jahren seien 31.000 ukrainische Soldaten getötet worden. Das "Wall Street Journal" berichtet im September von 80.000 getöteten und 400.000 verwundeten Soldaten innerhalb der ukrainischen Truppen - Zahlen, die die ukrainische Seite "übertrieben" nannte.
Moskau veröffentlicht keine Zahlen mehr zu eigenen Gefallenen. Im Juni behauptete Präsident Wladimir Putin, das Verhältnis der "unwiederbringlichen Verluste" zwischen Russland und der Ukraine liege bei eins zu fünf zugunsten Moskaus - eine Aussage, die sich nicht mit denen anderer Beobachter des Krieges deckt.
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Wie viele Todesopfer haben Journalisten gezählt?
Inzwischen hat die Zahl der bestätigten getöteten Soldaten auf Seiten Russlands die Marke von 70.000 überschritten, wie die "BBC" aktuell berichtet. Die tatsächliche Zahl der russischen Todesfälle dürfte sogar noch höher liegen: Denn die BBC-Analyse berücksichtigt nicht die Todesfälle von Milizen in der Ostukraine.
In einer großen Untersuchung schätzen die unabhängigen Medienportale "Meduza" und "Mediazona" im Juli die Zahl der getöteten russischen Soldaten bis Mitte 2024 auf 120.000. Die Investigativjournalisten teilten mit, sie hätten ihre Ergebnisse etwa aus der Auswertung einer Datenbank für Erbangelegenheiten, aus dem Sterberegister und statistischen Angaben sowie aus Informationen von Hinterbliebenen ermittelt. Bei der Zahl handele es sich um "eine statistische Schätzung", hieß es. Der genaue Wert könne auch schon bei 140.000 liegen.
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Welche Einschätzungen gibt es von den Nato-Staaten?
Auf eine ähnliche Zahl wie die "BBC" kam bereits im Dezember das britische Verteidigungsministerium, das von etwa 70.000 Russen ausging, die im Angriffskrieg Moskaus bisher getötet wurden - 50.000 reguläre Soldaten sowie 20.000 Mitglieder der Privatarmee Wagner.
Nach Einschätzung der Nato ist Russland für die Fortsetzung seines Angriffskriegs gegen die Ukraine mittlerweile auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen. "Mehr als 600.000 russische Soldaten wurden in Putins Krieg getötet oder verwundet, und er ist nicht in der Lage, seinen Angriff auf die Ukraine ohne ausländische Unterstützung aufrechtzuerhalten", sagte Generalsekretär Mark Rutte Ende Oktober nach Beratungen über einen möglichen Kampfeinsatz nordkoreanischer Soldaten in der Ukraine.
Das US-Verteidigungsministerium sprach Anfang Oktober ebenfalls von 600.000 Verletzten oder Getöteten. Auch seien die russischen Verluste im September so hoch wie in keinem anderen Monat des Krieges gewesen:
Die russischen Verluste, wiederum sowohl Tote als auch Verwundete, überstiegen allein im ersten Kriegsjahr die Summe aller russischen Verluste - der sowjetischen Verluste in allen Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg zusammen.
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Patrick S. Ryder, Generalmajor der US-Luftwaffe
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Wie sind die Zahlen zu bewerten?
Der Militärexperte Oberst i.G. Wolfgang Richter vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik analysiert ebenfalls seit Beginn der Invasion die Truppenstärke der russischen Angreifer. Die Zahlen zu den Verlusten scheinen Richter etwas zu hoch gegriffen.
In der Tendenz sind die Zahlen insofern zutreffend, als sie auf die ungefähre Größenordnung der Verluste hinweisen. Die konkrete Gesamtzahl dürfte aber eher zu hoch liegen.
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Wolfgang Richter, Militärexperte
Militärexperte Matthew Ford, der an der schwedischen Verteidigungshochschule Försvarshögskolan lehrt, erklärt zudem, dass Opferzahlen immer hoch politisch seien - und die Zahlen der Nato daher mit einer gewissen Vorsicht zu genießen seien: "Die Nato wird über eine Methode zur Bewertung der russischen Verluste verfügen, aber jede Zahl, die sie veröffentlicht, ist auch mit einer politischen Botschaft verbunden."
Die Nato zeigt, dass ihr Beitrag zu den Erfolgen der Ukraine beiträgt.
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Matthew Ford, Militärexperte an der Försvarshögskolan
Wieso nimmt Russland diese Verluste in Kauf?
Der Militärexperte Oberst i.G. Wolfgang Richter vom Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik meint, Russland sei in der Kriegsführung geschickter geworden und glaube daran, durchzuhalten, militärisch, politisch und auch ökonomisch. Auch hoffe man im Kreml wohl auf einen für die eigenen Interessen positiven Ausgang der Wahlen in den USA.
Und wie sieht es innerhalb der russischen Bevölkerung aus? "Natürlich kennen die Menschen keine genauen Zahlen, niemand kennt genaue Zahlen", erklärt Denis Volkov gegenüber ZDFheute, Soziologe und Direktor des unabhängigen russischen Umfragezentrums Lewada.
Aber natürlich sehen wir zum Beispiel in unseren Untersuchungsgruppen: Die Bevölkerung weiß, dass Menschen sterben, dass es Opfer gibt.
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Denis Volkov, Direktor Lewada-Zentrum
Dass der Aufschrei in der russischen Bevölkerung ausbleibe, liege unter anderem an der allgemeinen Vorstellung, dass an der Front mehrheitlich Freiwillige und Berufssoldaten dienten. "Aus der Sicht der 'normalen' Menschen ist es ihr Job, es ist ihre Wahl", so Volkov. Dafür würden sie bezahlt - und im Todesfall ihre Hinterbliebenen.
Für die Menschen in den kleineren, abgehängten Gegenden, aus denen ein großer Teil der Rekruten kommt, ist das von großer Bedeutung.
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Denis Volkov, Direktor Lewada-Zentrum
Ein Hauptgrund dafür sei auch, dass die Mehrheit der Menschen sich nicht an dem Krieg beteiligen müsse und nicht von der Mobilisierung betroffen war. "Die Möglichkeit für sie, ihr normales Leben wie gewohnt, ohne größere Veränderungen weiterführen zu können, ist entscheidend", sagt der Meinungsforscher.
Dieser Artikel wurde bereits am 14. Dezember 2023 veröffentlicht und nun aktualisiert.
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Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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