Millionen Deutsche vor Rente:Boomer: Generation Glücksfall oder Sündenbock?
von Christhard Läpple
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Millionen Deutsche sind Baby-Boomer. Die Generation der Vielen. Glücksfall für die Gesellschaft oder Generation Sündenbock?
Baby-Boomer sind die geburtenstärksten Jahrgänge der Nachkriegszeit. Bald gehen sie in den Ruhestand oder sind es schon. Mehr als 20 Millionen Deutsche in Ost und West wurden zwischen 1955 und 1970 geboren.
Ein Drittel der heutigen Gesellschaft. 1964 kamen gesamtdeutsch 1,36 Millionen Kinder zur Welt, bis Pillenknick und veränderte Rollenbilder dem Kindersegen ein Ende setzten. Boomer waren Hoffnungsträger und immer zu viele.
Bezahlbares Wohnen wird zunehmend zum Problem: Preise von 20 Euro pro Quadratmeter sind für viele Rentner nicht zu stemmen. 20.05.2023 | 4:26 min
Wer Anfang der 60er-Jahre geboren wurde, quälte sich in vollen Kitas und Schulen. Boomer saßen in übergroßen Schulklassen, später in überfüllten Uni-Seminaren, um in der Arbeitswelt mit viel zu vielen Altersgenossen zu konkurrieren.
Wohlstandskinder ohne Hunger und Kriege
"Die Boomer sind die vielleicht kreativste, kooperativste und friedlichste Generation, die in den vergangenen zweihundert Jahren gelebt hat", notiert die "Zeit".
Die Wohlstandskinder erleben weder Hunger, Not noch Krieg. Die Mehrheit der Boomer kann auf einen stetig steigenden Lebensstandard zurückblicken, versüßt durch das Erbe der Eltern.
Disco, Mopeds und Kassettenrekorder
Popkulturell erfinden die Boomer MTV, Disco und Punk. Sie sorgen für die kulturelle Grundausstattung unserer westlichen Moderne - von AC/DC über Alice Schwarzer bis Madonna. Ohne Boomer kein iPhone, Techno oder Internet.
Boomer entdecken die Abenteuer des Pettings, die Kraft der Mopeds und Stones-Hits aus dem Kassettenrekorder. Gut, der Sommerurlaub mit Eltern am Gardasee war nicht erste Wahl, dafür die legendären Interrail-Bahntouren mit Gitarre und Rucksack quer durch Europa.
Soziologe Bude: Boomer ohne "Wir-Gefühl"
Die Boomer sind eine "Generation ohne Anspruch oder Projekt. Sie haben kein Wir-Gefühl", schreibt der Soziologe Heinz Bude in seinem neuen Buch "Abschied von den Boomern". Aufstieg und Teilhabe durch Bildung sei ihre gemeinsame prägende Erfahrung.
Viele Babyboomer gehen in Ruhestand. Die "Generation Ü" vermittelt fitte Rentner im Arbeitsmarkt.29.09.2023 | 2:07 min
Die großen Belastungsproben Kalter Krieg, Aids, der Tschernobyl-GAU und die Wende hätten sie "pragmatisch" verdaut. Boomer mussten lernen, so Bude, "in der Kohorte der Vielen" nach Rückschlägen wieder aufzustehen und sich nicht unterbuttern zu lassen.
Boomerinnen für Unabhängigkeit und Gleichberechtigung
"Ernsthaft, ich bin jetzt 60?", wundert sich Publizistin Susanne Matthiessen, Jahrgang 64. Eine Boomerin wie Millionen andere, die jetzt langsam von der Bildfläche verschwindet.
In ihrem neuen Roman "Lass uns noch mal los" erzählt sie von einer Frauen-WG mitten im "Abenteuerspielplatz Kreuzberg", zwischen besetzten Häusern, der legendären Ankerklause und 1. Mai-Randalen. Diese Boomerinnen folgen bis heute ihrem Mantra "Unabhängigkeit!" und kämpfen für Gleichberechtigung.
Gerade jetzt, wo wir in die Jahre kommen und auf eine funktionierende Infrastruktur in Ämtern und Behörden angewiesen sind, funktioniert dort immer weniger.
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Susanne Matthiessen, Publizistin
"Und auch für den Feminismus werden weltweit die Uhren zurückgedreht." Ab nun heißt es: "Hilf dir selbst, Sozialarbeiter gibt’s nicht mehr", so Matthiessen weiter.
Generation Z trifft auf Baby-Boomer
"Zu satt, altmodisch und besserwisserisch" seien die Oldies, meckert die junge Generation Z auf ihrem Hashtag #okboomer. Zu ihnen zählen 11,57 Millionen Menschen in Deutschland, die seit 1996 das Licht der Welt erblickt haben.
Boomer kontern die Kritik der neuen Work-Life-Balance-Generation mit Sprüchen wie: "Von nichts kommt nichts. Früher haben die Leute härter gearbeitet." Tatsächlich schuften die heutigen Turnschuhrentner, ausgestattet mit Bahncard für Senioren, nicht mehr bis zum Burn-Out.
Haben Boomer auf Kosten der Nachfahren gelebt?
Heute trennen sie Müll, verlegen Stolpersteine oder buchen die nächste Kreuzfahrttour. Haben die Boomer ihr schönes Leben auf Kosten der Nachfahren gelebt? Nein, widerspricht Heinz Bude, selbst Angehöriger der vielgescholtenen Generation.
Boomer sehen selbst, dass etwas schiefgelaufen ist, dass sie sich nicht einfach in ein geruhsames Alter wegstehlen können.
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Heinz Bude, Soziologe
Es gibt viel zu tun. Die Millionen Boomer mit ihrem Pragmatismus werden noch gebraucht.
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