Zentralratspräsident zu Aiwanger: "Er macht Opfer zu Tätern"
Interview
Aiwangers Entschuldigung:Zentralratspräsident: "Macht Opfer zu Tätern"
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Freie Wähler-Chef Aiwanger fühlt sich - trotz seiner Entschuldigung - als Opfer der Flugblatt-Affäre. Der Präsident des Zentralrats der Juden sieht eine "Täter-Opfer-Umkehr".
In der Affäre um ein antisemitisches Flugblatt aus Schulzeiten steht Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger nach seiner öffentlichen Entschuldigung vom Donnerstag weiter unter Druck.
Vor allem, dass der Chef der bayerischen Freien Wähler in seinem Statement behauptete, die "Shoah wird zu parteipolitischen Zwecken missbraucht", sieht der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, im ZDF heute journal sehr kritisch. Und: Bis zur Entschuldigung am Donnerstag dieser Woche habe "es schon recht lange gedauert".
Sehen Sie das gesamte Interview oben im Video oder lesen Sie Auszüge hier:
Das sagte Josef Schuster dazu, dass ...
... sich Aiwanger entschuldigt hat für den Besitz des Flugblattes:
"Also ich finde es problematisch, dass direkt in einem Atemzug mit dieser Entschuldigung wieder das Thema kommt, dass er das Ganze als eine Kampagne gegen sich sieht", sagte Schuster. "Ob das in dem Zusammenhang der richtige Satz war, kann überdacht werden."
Schuster habe es so verstanden, dass sich Aiwanger für das Pamphlet, und insbesondere den Inhalt dieses Pamphlets, entschuldigt hat. "Und auch wenn er nicht der Verfasser des Papiers ist, eine Verbindung zu diesem Pamphlet scheint er doch wohl zu haben, denn selten fliegen Dinge von ganz allein in einen Rucksack", so Schuster.
... ist seit November 2014 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er leitet die wichtigsten Gremien des Zentralrats und vertritt ihn bei Gesprächen mit der Politik, den Medien und anderen Verbänden sowie mit Religionsgemeinschaften. Die Präsidentschaft ist ein Ehrenamt. Schuster studierte Medizin in Würzburg und ließ sich dort 1988 als Internist mit einer eigenen Praxis nieder, die er bis 2020 führte.
... Aiwanger behauptet, die Shoa werde "parteipolitisch missbraucht":
"Das sehe ich nicht so", sagte Schuster. "Und was ich da aus diesem Satz höre, ist das, was man unter einer Opfer-Täter-Umkehr versteht." Es werde versucht, die Opfer zu Tätern zu machen. "Und das finde ich nicht sehr gut."
Das, was mich ehrlicherweise am meisten erschüttert, ist der Umgang von Herrn Aiwanger mit diesen Vorwürfen.
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Josef Schuster, Zentralrat der Juden
Von den Vorwürfen habe Aiwanger - durch Fragen der Presse - schon einige Tage vorher gewusst. "Dass er da nicht in der Lage war, zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels der Süddeutschen Zeitung sofort entsprechende Erklärungen, ausführliche Erklärungen, abzugeben, wundert mich sehr."
... dass viele Wähler meinten, das Flugblatt sei "eine Jugendsünde":
"Das Pamphlet ist in der Jugend geschehen, aber ich würde das nicht als 'Jugendsünde' bezeichnen", stellte Schuster fest. "Das Problem ist auch nicht dieses Flugblatt, das hier im Raum steht. Wobei mich schon irritiert: Der Bruder soll es geschrieben haben. Er hat es im Rucksack. Es ist ja doch ein seltsames Umfeld, in dem offensichtlich Herr Aiwanger hier aufgewachsen ist."
Es geht doch vielmehr darum, dass ich erwartet hätte, dass er sich sofort umfassend hiervon distanziert.
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Josef Schuster, Zentralrat der Juden
Es habe "schon recht lange gedauert, bis er sich gestern [Donnerstag]-Abend zu dieser Entschuldigung durchgerungen hat".
.... dass die Affäre Aiwanger vielleicht sogar zum Wahlsieg verhilft:
"Wenn ein solches Blatt zu einem positiven Wahlerfolg wird, dann irritiert mich das in höchstem Maße und zeigt natürlich, dass offensichtlich - was ich nicht gedacht hätte - mit der Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus doch mehr im Argen liegt als viele vermuten", sagte Schuster.
"Wir sind nicht schlecht in der Erinnerungskultur und ich begrüße das auch ausdrücklich. [...] Aber man muss sich wirklich Gedanken machen, wie man das doch noch intensivieren kann. Und es spricht ganz klar dafür, dass diejenigen, die sagen: 'Schlussstrich ziehen', dass genau die 'auf dem Holzweg' sind".
Das Interview führte ZDF-heute-journal-Moderator Christian Sievers.
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