Warum im Sudan "erneuter Genozid" und "Massengräuel" drohen
FAQ
Acht Monate Krieg:Warum im Sudan ein "erneuter Genozid" droht
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Acht Monate herrscht nun schon Krieg im Sudan. Das Leid ist groß, die Lösung fern und die Gefahr, dass die Nachbarländer mithineingezogen werden, wahrscheinlich. Ein Überblick.
Vertriebene Sudanesen warten darauf, von der Grenzstadt Gallabat nach Äthiopien zu gelangen. (Archivbild)
Quelle: AFP
Der Krieg im Sudan geht in den achten Monat. Längst vergessen ist die Jubelstimmung, die das ostafrikanische Land nach dem Sturz von Diktator Omar al-Baschir 2019 erfüllt hatte. Sie ist erneut Hunger, Tod und Vertreibung gewichen. Zunehmend zu spüren bekommen dies nun auch die Nachbarstaaten, die der Sudan mit sich in die Misere ziehen könnte. Die Nachrichtenagentur KNA beantwortet zentrale Fragen rund um den Konflikt:
Worum geht es bei den Kämpfen?
Am 15. April waren in der Hauptstadt Khartum Gefechte zwischen der Armee und den Rapid Support Forces (RSF) ausgebrochen. Die einflussreiche paramilitärische Truppe zählt etwa 100.000 Kämpfer - und war als rechte Hand von Ex-Diktator al-Baschir maßgeblich an den Menschenrechtsverbrechen in der historischen Konflikt-Provinz Darfur beteiligt.
Inzwischen beherrscht sie weite Teil des Landes. Sudans reguläre Armee scheint außerstande, die RSF aufzuhalten. Anfang November soll die Truppe das wahrscheinlich größte Massaker seit Konfliktausbruch verübt haben: Augenzeugen berichten von 700 bis 2.000 Zivilisten, die innerhalb weniger Tage von den Kämpfern in der Stadt al-Dschunaina überrascht und getötet worden seien, einige sogar im Krankenbett.
Ein EU-Vertreter warnte vor einem "erneuten Genozid". Dabei betonte erst vor wenigen Wochen eine Allianz von 50 humanitären Organisationen, darunter Amnesty International und das Norwegian Refugee Council: Der Sudan stehe nicht länger am Abgrund zu Massengräuel - "er hat die Schwelle bereits überschritten".
Wie geht es der Bevölkerung?
Viele Leute haben alles verloren: ihre Familien, ihr Zuhause, ihren Besitz, ihre Lebensgrundlage.
Kinder können nicht mehr zur Schule oder zu einem Arzt gehen, und die Grundversorgung ist fast komplett zusammengebrochen.
„
Martin Griffiths, Untergeneralsekretär der UN für Humanitäre Einsätze,
In den Ohren vieler Sudanesen mag das wie eine Untertreibung klingen. Tatsächlich starben bisher mehr als 10.000 Menschen in den Luft- und Bodenkämpfen. Die Zahl derHungernden hat mit 20 Millionen einen neuen Höhepunkt erreicht. Dies entspricht 42 Prozent der Bevölkerung. Außerdem greifen wegen des kollabierten Gesundheitssystems Krankheiten um sich, die schon als eingedämmt galten: Malaria, Masern, Diarrhö.
Wer hilft dem Land eigentlich?
Einige Organisationen sind vor Ort. Aber der Einsatz in dem Bürgerkriegsland gestaltet sich schwierig, wie am Montag auch der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonte:
Unsere Anstrengungen werden behindert von der herausfordernden Sicherheitslage sowie von bürokratischen und administrativen Hindernissen.
„
Tedros Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) verteilte seit April Saatgut an eine Million Bauern-Haushalte. Sie sollen die Getreideversorgung von bis zu 19 Millionen Menschen sichern. Allerdings habe man laut UN-Diplomat Griffiths insgesamt weniger als ein Viertel der 25 Millionen Hilfsbedürftigen erreicht.
Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Region?
Inzwischen sind 6,2 Millionen Menschen vor dem militärischen Kräftemessen geflohen. Der Großteil, fast fünf Millionen, sucht innerhalb des Sudans Schutz; die übrigen 1,3 Millionen in Nachbarländern.
Die Nachbarländer haben aber mit eigenen Problemen zu kämpfen: Im Tschad, wo jeder dritte Sudan-Geflüchtete lebt, herrscht seit 2021 eine Militärregierung. Der Südsudan bereitet derzeit seine ersten Wahlen seit der Unabhängigkeit vom Sudan vor, wobei am Wochenende Putsch-Gerüchte laut wurden.
Während Ägypten erneut ins politische Kreuzfeuer des Nahostkonflikts gerät, droht Äthiopien als Vielvölkerstaat zu zerbrechen. "In den ersten drei Novembertagen haben wir mehr Menschen aus dem Sudan die Grenze überqueren sehen als im gesamten Oktober: Es waren etwa 7.000 Personen", so Stephanie Hoffmann, Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Adre (Tschad).
Ist eine Lösung in Sicht?
Zu Wochenbeginn reiste Sudans Militärmachthaber Abdel Fattah al-Burhan nach Kenia, um mit Präsident William Ruto über die Lage zu beraten. Gemeinsam wollen sie die Friedensgespräche in der saudi-arabischen Stadt Dschidda "beschleunigen": Die Vermittlungsversuche der USA, Saudi-Arabiens und der Afrikanischen Union verliefen bisher ergebnislos.
Nun soll die ostafrikanische Staatengemeinschaft IGAD aushelfen. Ein "vollinklusiver sudanesischer Dialog" soll zum Frieden beitragen. Doch Beobachter bleiben skeptisch.
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