Viele kennen dieses Bauchgefühl: Ich mag nicht, wie andere sind, was sie sagen oder tun. Wie damit umgehen? Forscher Bernd Simon über die Chancen und Grenzen von Toleranz.
Wie umgehen mit Intoleranz?
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ZDFheute: Wie definieren Sie Toleranz?
Bernd Simon: Wir schlagen vor, Toleranz zu verstehen als durch Respekt gezähmte Ablehnung. Das heißt, Menschen müssen ihre Ablehnung nicht aufgeben, um tolerant zu sein. Sie müssen aber ihre Ablehnung zähmen, dürfen sie nicht durch Gewalt, Beleidigung oder Demütigung der anderen Person ausdrücken.
Quelle: Bernd Simon
... ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie und Politische Psychologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er leitet die Forschungsstelle Toleranz (KFT). Mit seinem Team erforscht er die Schwierigkeiten und Möglichkeiten gesellschaftlicher Toleranz.
ZDFheute: Die eigene Ablehnung zähmen, wie kann das gelingen?
Simon: Ablehnung wird gespeist aus der Unterscheidung "wir versus die". Wir lehnen die anderen ab. Gleichzeitig nimmt unsere Forschung an, dass wir auch in der Lage sind, auf einer übergeordneten Ebene Gleichheit oder Ähnlichkeit anzuerkennen, also Mitglieder ein- und derselben Gruppe zu sein, zum Beispiel derselben Gesellschaft oder der Menschheit insgesamt.
Und das ermöglicht uns, uns zurückzunehmen, wenn wir auf Menschen treffen, die einen Lebensstil praktizieren, eine Meinung haben, die wir ablehnen.
Populisten versuchen, uns klarzumachen, dass es nur diese Einteilung in "wir versus die" gibt und dass es nicht diese übergeordnete gemeinsame Identität, eine gemeinsame Gruppenmitgliedschaft gibt, die uns dann in die Lage versetzt, den anderen Respekt zu geben.
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Bernd Simon
ZDFheute: Wo ist die Grenze zur Intoleranz?
Simon: Die Intoleranz der anderen gibt uns nicht die Lizenz, selbst intolerant zu werden.
Wehrhafte Toleranz heißt, Intoleranz entschieden entgegenzutreten und dabei doch den Respekt für die anderen zu wahren.
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Bernd Simon
Das heißt, ich kann jemanden zurechtweisen, ich kann auch jemandem das Wort entziehen, ich darf die anderen aber nicht demütigen, nicht lächerlich machen, nicht mit Gewalt reagieren. Dann würden wir uns als Tolerante in einen Selbstwiderspruch begeben und wir würden die Toleranz diskreditieren.
Dann könnten die Gegner der Toleranz sagen: "Guckt mal, wenn euch was nicht passt, dann werdet ihr ja auch intolerant." Und dann sind wir eigentlich in einem reinen Machtkampf.
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ZDFheute: Ist unsere Gesellschaft intoleranter geworden?
Simon: Meine anekdotische Evidenz: Wenn ich in den Straßenverkehr schaue, denke ich, dass wir alle dünnhäutiger geworden sind.
ZDFheute: Das denken wir alle, das bestätigen Meinungsumfragen. Faktisch hat die Aggressivität nicht zugenommen, belegen Studien.
Simon: Das ist doch eine gute Nachricht. Aber die schlechte Nachricht ist, dass wenn Menschen Dinge für real halten, dann werden diese oft auch real. Wenn wir Konflikte mit anderen erwarten, gehen wir schon mit dieser Erwartung in die Situation und möglicherweise kommt es dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.
Gleichzeitig sehe ich noch ein anderes Problem. Wir erwarten häufig zu viel und zu schnell Zustimmung und ich würde das die Konsenserwartungsfalle nennen.
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Bernd Simon
Wir erwarten sehr häufig, dass die anderen Menschen so denken wie ich selbst. Und weil sie das häufig nicht tun, umso größer ist die Empörung auf unserer Seite. Umso stärker ist unsere Ablehnungsreaktion und umso empfindlicher werden wir selbst, wenn wir von anderen abgelehnt werden.
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ZDFheute: Was gewinnen wir durch Toleranz?
Simon: Wir entdecken vielleicht, dass man auch ganz anders leben kann als in der eigenen kleinen Welt. Und vielleicht ist das auch attraktiv, vielleicht befreit mich das auch. Von daher hat also Toleranz nicht nur diesen Aspekt, dass ich mich zurücknehmen muss und dabei eher draufzahle, sondern ich habe auch einen Gewinn.
Toleranz tut zunächst einmal weh, wenn wir uns zurücknehmen müssen, auch wenn wir selbst Ablehnung erfahren, allerdings kann Toleranz durchaus Freude machen.
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Bernd Simon
Wenn wir durch die Unterschiede hindurchblicken und dann im Grunde im anderen auch uns selbst erkennen.
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