Autor Schischkin: Wie geht es der russischen Opposition?
Russische Opposition im Exil:"Wie lange wird dieses Volk noch schweigen?"
von Cornelius Janzen
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Der russische Bestsellerautor Michail Schischkin wurde in seiner Heimat einst als wichtigster Gegenwartsautor gefeiert. Heute gilt er als "Verräter" und erhält Morddrohungen.
Mit seinen Büchern entlarvt er Putins Propaganda: der russische Autor Michail Schischkin im Interview über Alexej Nawalny und die Opposition im Exil.22.10.2024 | 9:34 min
Kleinlützel ist ein kleines Schweizer Dorf nahe der französischen Grenze. Hier lebt der russische Schriftsteller Michail Schischkin. Seit knapp 30 Jahren ist er in der Schweiz. Schreibt Bücher. Kritisiert Wladimir Putin. Verurteilt den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Entlarvt russische Propaganda.
"Sie missbrauchen das vielleicht schönste Gefühl der Menschen, den Patriotismus, die Liebe zum Vaterland", sagt Schischkin. "Das haben alle Diktatoren seit Jahrhunderten perfekt gemacht. Die Menschen glauben, dass sie ihr Vaterland verteidigen. Vor den Feinden, vor den Faschisten. In Wirklichkeit verteidigt man das kriminelle Putin-Regime."
Schischkin früher gefeierter Schriftsteller in Russland
In Russland war er einst literarisches Aushängeschild, wurde als einziger Autor mit den drei wichtigsten russischen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2013 wandte er sich in einem offenen Brief gegen Putin und lehnte ab, als Teil einer offiziellen russischen Schriftstellerdelegation die New Yorker Buchmesse zu besuchen.
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Noch heute erhält der Regimekritiker Morddrohungen. Als Russe habe man drei Möglichkeiten. Man könne emigrieren, patriotische Lieder singen oder schweigen:
Schweigen ist die Überlebensstrategie der Generationen. Die berühmte Zeile aus Puschkins Drama Boris Godunow: 'Das Volk schweigt'. Wie lange wird dieses Volk noch schweigen?
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Michail Schischkin, russischer Schriftsteller
Exilopposition seit Nawalnys Tod zerstritten
Die russische Exilopposition bricht mit diesem Schweigen. Erhebt ihre Stimme aus dem Ausland. Doch seit dem Tod von Alexej Nawalny verstrickt sie sich zunehmend in Streitigkeiten. Vorwürfe, ein Verbündeter des Oppositionspolitikers und früheren Yukos-Chefs Michail Chodorkowski sei für Angriffe auf Nawalny-Helfer im Ausland verantwortlich, haben zu einem Streit zwischen Nawalnys Team und Oppositionellen um Chodorkowski geführt, berichtet das aus dem Exil betriebene russische Online-Portal Meduza.
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Chodorkowski unterstützt seit Jahren Teile der russischen Opposition aus dem Londoner Exil. Für Schischkin verspielen solche Grabenkämpfe das wichtigste Kapital oppositioneller Kräfte.
Es tut weh, zu sehen, wie sich verschiedene Oppositionspolitiker gegenseitig bekämpfen. Statt in diesem Kampf Solidarität zu zeigen. Das Kapital der Oppositionspolitiker ist das moralische Kapital. Und in diesem Streit verlieren sie dieses Kapital.
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Michail Schischkin, russischer Schriftsteller
"Wenn sich die Politiker streiten, dann müssen die Kulturschaffenden, die Schriftsteller, die Musiker, die Theaterregisseure die Reihen schließen und Solidarität in diesem gemeinsamen Kampf zeigen", führt Schischkin weiter aus. "Es ist ein Kampf der Menschheit gegen die Barbarei."
Schischkin: Russland hat Vergangenheit nie aufgearbeitet
Für Schischkin liegt das eigentliche Problem Russlands darin, dass die Gesellschaft ihre Vergangenheit nie aufgearbeitet hat. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei das Land im Chaos versunken. Bis Wladimir Putin erneut eine Diktatur errichtet habe. Die Bevölkerung habe nie erfahren, was es bedeute, in einer modernen Demokratie zu leben.
"Die meisten Russen leben zum Teil noch in der Urzeit. Und identifizieren sich mit einer Art Stammesdenken", sagt Schischkin. "Nach dem Motto: Unser Stamm hat immer recht. Die anderen Stämme, das sind unsere Feinde, die wollen uns vernichten. Und nur der Stammesführer, der Zar, kann uns retten."
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Düstere Zeiten auch nach Ende des Putin-Regimes?
Auch nach dem Ende des Putin-Regimes drohten Russland düstere Zeiten. Schischkin rechnet damit, dass kriminelle Banden die Macht übernehmen. Was tun, um den Kreislauf von Diktatur und Gewalt zu durchbrechen? Für ihn sind die Kulturschaffenden im Exil nicht nur wichtig, um ihre Stimme gegen das verbrecherische Putin-Regime zu erheben, sondern auch, um die Kultur Russlands am Leben zu halten.
Das Regime braucht keine Kultur, keine Literatur. Jetzt sind wir dafür verantwortlich, die Würde der russischen Kultur und Sprache hier im Exil zu bewahren.
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Michail Schischkin, russischer Schriftsteller
Gerade hat er einen Literaturpreis ins Leben gerufen, um oppositionelle russischsprachige Autoren zu unterstützen: "Die russische Sprache ist zur Geisel des Regimes geworden. In Russland kann man nicht mehr atmen. Die russische Sprache gehört nicht zum Territorium der Russischen Föderation. Diese Sprache gehört zur Weltkultur. In dieser Sprache schreibt die weißrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. In dieser Sprache schreibt Andrej Kurkow, der bekannteste ukrainische Schriftsteller. Das ist ein Preis für alle, die Russisch als Teil der Weltkultur verstehen."
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Sollte Putin eines Tages verschwinden, will Schischkin nicht nach Russland zurückkehren. Sein Russland existiere längst nicht mehr. Den Traum eines jeden russischen Schriftstellers, Zeit auf einer Datscha zu verbringen, kann er sich auch in der Schweiz erfüllen - nur dass seine Datscha jetzt Kleinlützel heißt.
Cornelius Janzen ist ZDF-Redakteur und Reporter für 3sat Kulturzeit.
Quelle: dpa
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