Donbass-Vorstoß: Warum Pokrowsk für Russland so wichtig ist
Donbass-Offensive:Warum Pokrowsk für Russland so wichtig ist
von Christian Mölling, András Rácz
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Im Donbass nähern sich russische Streitkräfte Pokrowsk. Eine Belagerug der Stadt könnte sich aber hinziehen. Sie ist wichtiger Knotenpunkt, Kiew wird sie nicht einfach aufgeben.
Pokrowsk ist das Ziel des russischen Vormarsches im Donbass.
Quelle: AFP_33QT4F6
Während die Ukraine die Kursk-Offensive weiter vorantreibt, nähern sich - nach zwei Wochen kontinuierlichen Vormarsches - im Donbass die russischen Streitkräfte der Stadt Pokrowsk. Russland hat in diesem Abschnitt der Frontlinie in der Ukraine eine große Überlegenheit in Bezug auf die Feuerkraft der Artillerie. Es ist den Ukrainern in Bezug auf die pro Tag abgefeuerten Granaten um das Drei- bis Vierfache überlegen.
Die flache Landschaft östlich und südöstlich von Pokrowsk bietet den ukrainischen Verteidigern zudem nur wenig Schutz: Die kleinen Dörfer und Hütten, die sich hier befinden, sind nicht groß genug und waren zuvor überhaupt nicht befestigt, so dass sie nicht als Stützpunkte dienen konnten.
Die Besatzung eines russischen Mehrfachraketenwerfers im Donbass bereitet sich darauf vor, auf ukrainische Positionen zu feuern.
Quelle: epa
Pokrowsk - ein wichtiger logistischer Knotenpunkt
Pokrowsk ist jedoch anders. Die Stadt hatte vor dem Krieg etwa 60.000 Einwohner und ist ein wichtiger logistischer Knotenpunkt sowohl für den Eisenbahnverkehr als auch für den Straßenverkehr. Vor allem führt durch Pokrowsk eine Straße, die eine der wichtigsten Verbindungen der ukrainischen Streitkräfte mit den westlichen Teilen des Landes darstellt. Über sie werden Tschasiw Jar und dieser Teil der Frontlinie verteidigt.
Quelle: ZDF
Sollte es den Russen gelingen, diese Straße zu blockieren, wäre die Versorgung der Frontlinie Tschasiw Jar - Toretsk nur über eine längere, nördliche Route möglich, die über Kramatorsk führt. Der mögliche Verlust dieser Straße würde also nicht alle Versorgungswege abschneiden, aber die Lieferungen erschweren.
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Noch keine Belagerung, aber Evakuierung
Seit vergangenem Dienstag haben sich die ersten russischen Einheiten Pokrowsk bis auf etwa zehn Kilometer genähert. Dies bedeutet zwar bereits, dass die Stadt in Reichweite der russischen Artillerie und größerer FPV-Drohnen liegt, aber die Stadt wird noch nicht belagert.
Dennoch hat die örtliche ukrainische Verwaltung bereits in der vergangenen Woche auf die Evakuierung der Zivilbevölkerung gedrängt. Die Verantwortlichen unter der Leitung von Serhii Dobriak, dem Leiter der Militärverwaltung Pokrowsks, gingen davon aus, dass der Stadt höchstens zwei Wochen blieben würden, bevor der russische Beschuss zunehmen werde.
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Am Montag wurde bekannt gegeben, dass Familien mit Kindern sowohl aus Pokrowsk als auch aus den benachbarten Dörfern zwangsevakuiert werden sollen.
Lange Belagerung steht in Aussicht
Es ist wahrscheinlich, dass sich der russische Vormarsch nach dem raschen Durchzug durch die ländlichen Gebiete östlich und südöstlich von Pokrowsk verlangsamen wird. Möglicher Grund: Die Truppen nähern sich bereits den Außenbezirken der Stadt, insbesondere dem kleinen Ort Myrnohrad im Osten.
Außerdem kann die Linie der Hauptstraße E50, die von Pokrowsk nach Süden (und auf der anderen Seite der Stadt nach West-Nordwest) führt, durchaus als zusätzliche Verteidigungslinie gegen die vorrückenden russischen Truppen dienen.
Die Autoren der Militäranalyse:
Quelle: DGAP
... leitet das Programm "Europas Zukunft" für die Bertelsmann Stiftung in Berlin. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.
Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Vor allem aber ähnelt Pokrowsk vielen anderen kleinen Städten im Donbass in dem Sinne, dass es ganze Stadtteile gibt, die aus mehrstöckigen Wohngebäuden aus Beton bestehen, zum Beispiel der Stadtteil Shakhtarskyi im Südosten der Stadt. Es gibt aber auch weniger dicht besiedelte Stadtteile, die aus Familien- und Wochenendhäusern bestehen und durch enge Straßen miteinander verbunden sind.
Mehrstöckige Mietshäuser bieten optimalen Schutz für die ukrainische Armee in Pokrowsk.
Quelle: dpa
Daher ist es realistisch zu erwarten, dass die ukrainische Armee ihr Bestes tun wird, um eine robuste, schwere Verteidigung aufzubauen, indem sie sich auf das städtische Umfeld und die Deckung durch die Stadt selbst stützt.
Russland wird sicherlich nicht in der Lage sein, Pokrowsk zu überrennen. Stattdessen ist mit einer langen und blutigen Belagerung zu rechnen, und die Einnahme von Pokrowsk - oder dem, was am Ende davon übrig bleiben wird - wird für Moskau sicherlich mindestens viele Monate dauern.
Pokrowsk möglicher Endpunkt der russischen 2024 Offensive
Mit anderen Worten: Die Stadt Pokrowsk wird wahrscheinlich für eine Weile den nordwestlichen Endpunkt der jüngsten russischen Offensive im Donbass markieren, und zwar bis zum Eintreffen des Herbstregens.
Wenn die Ukraine nicht in der Lage ist, eine rasche und entschlossene Gegenoffensive in der Region zu starten (was höchst unwahrscheinlich ist), erwartet die Stadt Pokrowsk und ihre Bewohner leider eine ähnliche Zerstörung wie die Katastrophe von Bachmut, Awdijwka, Tschasiw Jar und mehreren anderen ukrainischen Siedlungen. Pokrowsk wird die Russen sicherlich bremsen, vielleicht sogar aufhalten, aber der Preis wird sehr hoch sein.
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Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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