Debatte um Transplantation:Warum Spanien bei der Organspende vorne liegt
von Brigitte Müller, Madrid
|
Nirgendwo sonst in der Welt spenden so viele Menschen ihre Organe wie in Spanien. Das liegt an der großen Bereitschaft, aber auch an einer engen Koordination in den Krankenhäusern.
In Spanien ist die Organspende anders geregelt, was zu viel mehr Spendeorganen führt, als in Deutschland. Können wir von Spanien lernen?
Quelle: dpa
Carlos Aroca ist 36 Jahre alt. Im Juli 2024 bekam er eine Spenderniere. Es ist bereits die zweite - die erste, eine Spende seiner Mutter, hatte sein Körper nach drei Jahren abgestoßen. "Ich bin sehr dankbar, in Spanien geboren zu sein, ich weiß nicht, wie es mir in einem anderen Land ergangen wäre", sagt er.
Potentieller Spender ist, wer nicht widerspricht
Die Zahl der Spender in Spanien übersteigt die deutsche Spenderzahl um mehr als das Vierfache. Und die Wartezeiten sind dadurch wesentlich geringer. "Bei einer Transplantation von Herz, Leber oder Lunge sprechen wir von weniger als drei Monaten", so Beatriz Domínguez-Gil, Direktorin der Nationalen Organspende Organisation ONT. In Deutschland müssen Patienten auf ein Herz mindestens sechs Monate warten, bei einer Leber dauert es im Durchschnitt zwei Jahre.
In Deutschland warten über 8.200 Patienten auf eine Organspende, viele andere sind nicht einmal auf der Warteliste. Seit 40 Jahren organisiert das die deutsche Koordinationsstelle. 24.10.2024 | 1:46 min
Die Gründe dafür sind vielfältig. Zunächst einmal ist in Spanien jeder ein potentieller Spender, solange er nicht widerspricht. In Deutschland hingegen dürfen Organe nur entnommen werden, wenn zu Lebzeiten aktiv eingewilligt wurde, man sich etwa in einem Online-Register eingetragen hat. Nur wenn keine Willensäußerung des Verstorbenen vorliegt, kann die Familie entscheiden.
Transplantationen sind kein Tabu-Thema
Doch darauf allein gründet der spanische Erfolg nicht. In der Praxis werden in Spanien die Angehörigen in die Organspende-Frage mit einbezogen, haben das letzte Wort. Meistens stimmt die Familie aber zu. Denn das Thema ist kein Tabu. "Zudem gehen Ärzte auch in Schulen, sprechen über das Thema, das dann von den Jugendlichen in die Familien getragen wird", erklärt die Intensivmedizinerin Belén Estébanez. So wüssten die Angehörigen voneinander, wie sie zum Organspenden stehen und wie nach ihrem Tod zu verfahren sei.
In Deutschland warten über 8.200 Patienten auf eine Organspende, andere kommen erst gar nicht auf die Warteliste. Die Stiftung Organtransplantation ist seit 40 Jahren aktiv.24.10.2024 | 1:32 min
Jedoch: "Es gibt nur sehr wenige Menschen, die im Todesfall Organspender werden können", erklärt Beatriz Domínguez-Gil von ONT. Der Tod muss in einem Krankenhaus auf der Intensivstation eintreten, die Patienten müssen an mechanische Beatmung angeschlossen sein und den Körper somit weiterhin mit Sauerstoff versorgen. Die Organe dürfen zudem nicht durch die Krankheit, die zum Tod führt, angegriffen sein, was meistens der Fall ist. Somit können auch in Spanien nur zwei Prozent der Menschen, die im Krankenhaus sterben, Organspender sein.
Enge Koordination in den Krankenhäusern
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Koordination in den Krankenhäusern schnell abläuft und dafür Personal abgestellt ist. Intensivmediziner erkennen frühzeitig, also während die Patienten an lebenserhaltende Maschinen angeschlossen sind, wer sich als Spender eignet, halten Kontakt mit Ärzten, Pflegern und Angehörigen sowie mit der nationalen Organ-Spende-Organisation.
In Deutschland warten viele Patienten auf eine lebensrettende Organspende, doch die Zahl verfügbarer Spender ist gering. Das digitale Spender-Register soll das ändern.01.10.2024 | 2:23 min
Wie der Todeszeitpunkt definiert wird
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Ländern ist die Definition von Tod. In Spanien sind Transplantation seit 2012 nicht nur nach dem Hirntod, sondern auch nach dem Tod durch irreversiblen Herzstillstand erlaubt. Diese Spender machen mittlerweile mehr als die Hälfte der Transplantationen aus.
Spanier vertrauen Gesundheitssystem
In Deutschland ist das nicht möglich: Hier muss der Hirntod zweifelsfrei festgestellt worden sein. Versagt das Herz zuerst ohne anschließenden Hirntod, müssen mindestens drei Stunden bis zum Feststellen des Todes vergehen. Dann ist es zu spät für eine Organspende. In Spanien sind es nur fünf Minuten ohne selbstständigen Herzschlag, die vergehen müssen, bis der Tod festgestellt wird. Zudem haben die Spanier großes Vertrauen in ihr öffentliches Gesundheitssystem, fürchten nicht, dass vorschnell Organe entnommen werden könnten.
Carlos Aroca kann heute fast wieder ein normales Leben führen: "Es ist wie neu geboren zu sein", sagt er, "Du merkst nicht, dass es Dir immer ein bisschen schlechter ging. Erst jetzt, mit der Spenderniere, wird mir klar, was ich jetzt im Vergleich zu vorher alles machen kann."
Organspende Spanien
Die Nationale Transplantations Organisation (ONT) wurde 1989 gegründet und ist dem spanischen Gesundheitsministerium unterstellt. Sie unterhält Koordinationsteams in 190 Krankenhäusern. In Spanien gab es 2024 52,6 Spenderinnen oder Spender pro Million Einwohner, mehr als in jedem anderen Land. In Deutschland sind es rund 11,4 Organspender pro Million Einwohner.
Quelle: Nationale Organisation für Transplantationen (ONT)
Viele Menschen in Deutschland haben laut einer Studie eine positive Einstellung zur Organspende. Dennoch besitzen längst nicht alle einen Organspendeausweis.
mit Video
Quelle: dpa
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.
Um dir eine optimale Website der ZDFmediathek, ZDFheute und ZDFtivi präsentieren zu können, setzen wir Cookies und vergleichbare Techniken ein. Einige der eingesetzten Techniken sind unbedingt erforderlich für unser Angebot. Mit deiner Zustimmung dürfen wir und unsere Dienstleister darüber hinaus Informationen auf deinem Gerät speichern und/oder abrufen. Dabei geben wir deine Daten ohne deine Einwilligung nicht an Dritte weiter, die nicht unsere direkten Dienstleister sind. Wir verwenden deine Daten auch nicht zu kommerziellen Zwecken.
Zustimmungspflichtige Datenverarbeitung • Personalisierung: Die Speicherung von bestimmten Interaktionen ermöglicht uns, dein Erlebnis im Angebot des ZDF an dich anzupassen und Personalisierungsfunktionen anzubieten. Dabei personalisieren wir ausschließlich auf Basis deiner Nutzung der ZDFmediathek, der ZDFheute und ZDFtivi. Daten von Dritten werden von uns nicht verwendet. • Social Media und externe Drittsysteme: Wir nutzen Social-Media-Tools und Dienste von anderen Anbietern. Unter anderem um das Teilen von Inhalten zu ermöglichen.
Du kannst entscheiden, für welche Zwecke wir deine Daten speichern und verarbeiten dürfen. Dies betrifft nur dein aktuell genutztes Gerät. Mit "Zustimmen" erklärst du deine Zustimmung zu unserer Datenverarbeitung, für die wir deine Einwilligung benötigen. Oder du legst unter "Einstellungen/Ablehnen" fest, welchen Zwecken du deine Zustimmung gibst und welchen nicht. Deine Datenschutzeinstellungen kannst du jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in deinen Einstellungen widerrufen oder ändern.