Klimawandel: Gletscher-Rettung "eine Frage des Überlebens"

    Schmelze durch Klimawandel:Gletscher-Rettung "eine Frage des Überlebens"

    Mark Hugo
    von Mark Hugo
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    Gletscher gelten als "Wasserspeicher" der Menschheit. Doch durch den Klimawandel schmelzen sie immer schneller. Darauf will der erste Welttag der Gletscher aufmerksam machen.

    Schmelzender Gletscher in Österreich
    Fast alle untersuchten Gletscher in Österreich haben im vergangenen Jahr an Eis verloren. Wo Gletscher verschwinden, bleiben Mondlandschaften - und Probleme.20.03.2025 | 2:37 min
    Vom Skifahren oder Wandern kennt man die eiskalten Riesen vielleicht - ansonsten sind Gletscher für die meisten eher weit weg. Dabei geht die Bedeutung ihres Daseins weit über bloßes Freizeitvergnügen hinaus.
    Um daran zu erinnern, hat die UNO 2025 zum Jahr des Erhalts der Gletscher ausgerufen und den 21. März zum ersten Weltgletschertag überhaupt deklariert.
    Die Idee dahinter: Die UNO will das Bewusstsein "für die wichtige Rolle von Gletschern, Schnee und Eis im Klimasystem und im Wasserkreislauf" stärken. Denn ohne sie sähe es mit der Wasserversorgung in vielen Regionen der Welt schlecht aus. Dass die Gletscher weltweit auf dem Rückzug sind, hat tatsächlich drastische Folgen.
    Schmelzender Gletscher
    Um auf die schmelzenden Gletscher und die dramatischen Folgen für das Klima aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2025 zum „Jahr der Gletscher“ erklärt.21.01.2025 | 1:34 min

    Gletscherschmelze: Verlust von Milliarden Tonnen Eis

    Das letzte sogenannte hydrologische Jahr (November 2023 bis Oktober 2024) war laut Internationaler Wetterorganisation WMO das dritte in Folge, in dem alle Gletscherregionen der Erde Masse verloren haben. Und das vierte insgesamt mit Rekord-Verlusten. Die Gletscher-Beobachtungsstelle World Glacier Monitoring Service (WGMS) schätzt den Verlust seit 1975 auf 9.000 Milliarden Tonnen.

    Das ist so viel wie ein Eisblock von der Größe Deutschlands mit einer Dicke von 25 Metern.

    Professor Michael Zemp, WGMS

    Blick von oben auf den Morteratschgletscher in den Schweizer Alpen
    Die Erderwärmung bedroht Gletscher weltweit. In Europa schmelzen sie sogar schneller, als auf anderen Kontinenten.20.02.2025 | 1:36 min
    Gletscher-Jahr und Weltgletschertag sollen deshalb ein "Weckruf für die Welt" sein, so formuliert es Celeste Saulo, Chefin der Internationalen Wetterorganisation WMO. "Der Erhalt der Gletscher ist nicht nur eine umweltschützende, wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit. Es ist eine Frage des Überlebens."

    Theodulgletscher am Kleinen Mattherhorn
    Quelle: dpa

    Weltweit gibt es mehr als 275.000 Gletscher, die insgesamt 700.000 Quadratkilometer bedecken - eine Fläche etwa doppelt so groß wie Deutschland. Gletscher und Eisplatten speichern etwa 70 Prozent des Süßwassers auf der Erde, weshalb sie auch "Wasserspeicher der Menschheit" genannt werden.

    Studie: Wasservorräte in Gefahr

    Um die gewaltigen Wasservorräten in den Gletschern steht es immer schlechter, stellt eine internationale Studie fest, an der auch das Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beteiligt war. Im Schnitt verlieren die Gletscher danach 273 Milliarden Tonnen im Jahr. Das entspreche dem, was "die gesamte Weltbevölkerung in 30 Jahren verbraucht, wenn man von drei Litern pro Person und Tag ausgeht", rechnet Zemp vor.
    In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die untersuchten Gletscher etwa fünf Prozent ihres Volumens verloren, in Mitteleuropa sogar 40 Prozent. Auffällig dabei: Das Tempo nimmt zu: Im Vergleich des Zeitraums 2000 bis 2011 zu 2012 bis 2023 ist die Menge des darin verlorenen Eises um 36 Prozent gestiegen.
    Und das hat Folgen: Das Schmelzen trägt nicht nur zum Anstieg des Meeresspiegels bei, sondern bedeute für viele Regionen eben auch einen erheblichen Verlust an Süßwasser-Ressourcen, so Zemp.
    Der Gletscher-Kreislauf von Sommer und Winter kommt durch den Klimawandel durcheinander. Die Folge ist Süßwasser-Mangel

    Zwei Milliarden Menschen betroffen

    Nach Zahlen der UNO sind mehr als zwei Milliarden Menschen auf Schnee und Eis aus Gebirgen angewiesen, das Flüsse, Seen und Grundwasser speist. Es stellt bisher die Versorgung der Ökosysteme und der Landwirtschaft sicher, aber auch der Energieproduktion, der Industrie und natürlich liefert sie das nötige Trinkwasser.
    Betroffen ist auch Europa. Flüsse wie Po oder Rhein etwa werden in den warmen Monaten zu einem großen Teil vom Schmelzwasser der Alpen-Gletscher gespeist. Bisher verhindert das etwa extreme Niedrig-Pegelstände bei Trockenheit.
    Und es drohen weitere Gefahren: Fluten durch überlaufende Gletscherseen etwa, Abgänge von Lawinen und Muren. Die Landschaften rund um Gletscher verändern sich rapide.

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    Frühwarnsysteme bei Gefahr

    Tun lässt sich dagegen wenig - außer der Erderwärmung entschieden den Kampf anzusagen. UNO und WMO fordern außerdem ein besseres wissenschaftliches Monitoring des Gletscherschwundes. Das könne zum Beispiel helfen, Frühwarnsysteme für Gefahren aufzubauen. Oder die Wasserversorgung in den betroffenen Regionen anzupassen und auf nachhaltiger umzustellen.
    Dr. Felix Keller und eine Frau stehen auf einem Gletscher und die Sonne scheint am 10.01.2020 in der Schweiz
    In der Schweiz startete 2020 ein Projekt zum Schutz der Alpengletscher.10.01.2020 | 2:47 min
    Der "Weckruf" von UNO und Forschenden jedenfalls ist raus. Ob er in einer politischen Umfeld, das zunehmend von Krisen und Wissenschaftsskepsis geprägt ist, gehört wird oder gehört werden will, steht auf einem anderen Blatt. Aber, so bringt es einer der Fachberater des internationalen Gletscher-Jahres auf den Punkt:

    Gletschern ist es egal, ob wir an die Wissenschaft glauben. Sie schmelzen einfach in der Hitze, was ja auch jeder sehen kann.

    Professor John Pomeroy, University of Saskatchewan

    Mark Hugo ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion

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