Vor 35 Jahren: Flugzeugunglück in Berlin-Schönefeld
Flugzeugunglück in Ost-Berlin:"Wir dachten, jetzt ist es vorbei"
von Marcus Groß
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Am 17. Juni 1989 verunglückt eine Iljuschin Il-62 der Interflug in Berlin-Schönefeld. Die Maschine kann nicht abheben und schießt über die Startbahn hinaus. 21 Passagiere sterben.
Am 17. Juni 1989 schießt eine Linienmaschine von Interflug auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld über die Startbahn hinaus und fängt Feuer. 14.06.2024 | 10:22 min
Die russische Iljuschin 62 ist das Flaggschiff der Interflug, die modernste Passagiermaschine der DDR. Sie kann weiter fliegen und mehr Fluggäste transportieren als jedes andere Flugzeug der DDR-Airline. Sie verbindet Ost-Berlin mit dem Rest der Welt.
Die Iljuschin 62 - Das Flaggschiff von Interflug.
Quelle: bpk
Am Morgen des 17. Juni 1989 rollt eine fast fabrikneue Iljuschin 62 mit 103 Passagieren an Bord auf die Startbahn des Flughafens Schönefeld. Flugziel: Moskau. Um 6.28 Uhr drückt der Kapitän die Schubhebel nach vorne. Mit fast 300 km/h rast die Maschine dem Ende der Startbahn entgegen.
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Das Unglück ist nicht aufzuhalten
In Reihe fünf sitzt Ralf-Carsten Ludwig. Er ist damals 30 Jahre alt und mit einer Bergsteigergruppe auf dem Weg zum Klettern nach Tadschikistan. "Plötzlich stellten wir fest, dass das Flugzeug nicht richtig abhob", erinnert sich der heute 65-Jährige.
Im Cockpit versucht die Mannschaft, die Maschine in die Luft zu bekommen, aber das Höhenruder ist blockiert. Für einen Startabbruch ist es zu spät. Das Flugzeug rast über die Startbahn hinaus. Mit der linken Tragfläche streift die Maschine ein Hindernis und rasiert eine Baumreihe ab. Für Ralf-Carsten Ludwig sind das Momente zwischen Leben und Tod. 35 Jahre nach dem Unglück erinnert er sich noch ganz genau:
Wir wurden hin und her gerissen und versuchten, uns möglichst klein zu machen. Uns war klar: Das ist ein Flugzeugunglück, wir dachten, jetzt ist es vorbei.
„
Ralf-Carsten Ludwig, Überlebender
In der zerrissenen Tragfläche entzünden sich 15.000 Liter Kerosin. Die Maschine kommt brennend auf einem Acker zum Stehen. Ralf-Carsten Ludwig kann kaum glauben, dass er noch am Leben ist. "Jetzt war klar, jetzt ist die größte Gefahr, dass das Flugzeug in Brand gerät." Die Notausgänge sind versperrt, weil das Flugzeug auf der Seite liegt.
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Ein Riss rettet Leben
Im Halbdunkel entdeckt Ludwig einen Riss in der Flugzeugwand. Licht dringt von außen ins Innere der Maschine.
Wie durch ein Wunder war wahrscheinlich durch den Aufprall die Außenhaut des Flugzeugs aufgerissen worden.
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Ralf-Carsten Ludwig, Überlebender
Mit ihren schweren Bergstiefeln treten die Bergsteiger gegen den Riss. Durch ihn kann Ralf-Carsten Ludwig nach außen klettern. Von außen schafft er es, ihn zu vergrößern. 36 Menschen können die Bergsteiger so aus dem Inneren der Maschine retten, noch bevor die Hilfskräfte vor Ort sind. Das Flugzeug brennt komplett aus.
Die Flammen hinterließen ein ausgebranntes Wrack des Flaggschiffs der Interflug.
Quelle: ullstein bild
Berichterstattung in der DDR
Das DDR-Fernsehen berichtet ausführlich über das Unglück. Schon bald sind die Reporter vor Ort und sprechen mit Einsatzkräften, Augenzeugen und Geretteten. Die Berichterstattung wird bis an das Krankenbett ausgeweitet. Ungewöhnlich transparent berichten die DDR-Medien über die Katastrophe.
Die Historikerin Annette Vowinckel hat die Medienberichterstattung rund um den Flugzeugabsturz in Schönefeld untersucht. "Alles in der Berichterstattung, sowohl in der Zeitung als auch im Fernsehen, läuft darauf hinaus, dass alle alles richtig gemacht haben." Zwar werde der Unfall aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, als kritischen Journalismus würde sie ihn dennoch nicht bezeichnen.
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Vertuschung statt Aufarbeitung
Bei dem Flugzeugunglück sterben 21 Menschen. Es wird in der DDR nicht weiter aufgearbeitet, stattdessen werden Vertuschungsmaßnahmen ergriffen. Ralf-Carsten Ludwig, der damals gut vernetzt war, hat Zugang zu einem geheimen Stasi-Untersuchungsbericht. "Hauptursache war die mangelhafte Wartung dieses Flugzeugs und fehlerhafte Betriebsabläufe."
Der Abstürz hinterließ ein Bild der Verwüstung - und schwere Spuren in den Leben der Betroffenen.
Quelle: ullstein bild
Die Lust am Fliegen hat Ralf-Carsten Ludwig jedoch nach dem Unglück nicht verloren. Nach der Wende hat er einen Pilotenschein gemacht. Doch den 17. Juni 1989 wird er nie vergessen.
Marcus Groß ist Reporter im ZDF-Landesstudio Brandenburg.
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